Ein Hoch auf das, was vor uns liegt

Im kommenden Jahr wird die ITZ Initiative Tageszeitung 30 Jahre alt. Aus Anlass des 25jährigen Jubiläums im Jahr 2011 wurde das ITZ Archiv durchforstet und neu geordnet. Im Jahr 2014 wurde geprüft, welche Diskussionen, Themenideen und Konzepte heute noch aktuell und für die Produktion von Tageszeitungen verwertbar sind.

Die wesentlichen Ergebnisse dieser Prüfung finden sich in diesem Blog. Ein großer Teil des Materials wird auch künftig in Ordnern und Kisten gelagert und kann nicht elektronisch zugänglich gemacht werden. Der Aufwand wäre unverhältnismäßig hoch.

Susanne Schaefer-Dieterle, eine der Autorinnen von „Pustekuchen“ und seit vielen Jahren im Vorstand der ITZ, kommentiert zum Abschluss der Arbeiten Einsichten und Erkenntnisse, die die ITZ Arbeit nahezu 30 Jahre lang bestimmt haben.

Krise ist immer

Die drei wesentlichen Erkenntnisse der „Notgrabung“ im ITZ Archiv lauten:

• Krise ist immer.
• Totgesagte leben länger.
• Es lebe die journalistische Qualität.

Eine weitere Erkenntnis nach der Durchsicht von rund 25 Archivkisten: Journalismus und Mode haben viel gemeinsam. Es ist alles schon einmal da gewesen:

• Das Jammern über schlechte Arbeitsbedingungen und permanenten Zeitdruck.
• Hilflosigkeit angesichts der Machtverschiebungen in den Verlagen.
• Das Gefühl, die Leserin, den Leser nicht zu erreichen.
• Die Suche nach dem Wesen von Qualität.
• Das Wissen, dass die Jungen den Alten überlegen sind.
• Und die Alten den Jungen.
• Konzepte und Rezepte für die redaktionelle Arbeit.

Neu in den letzten fünf Jahren waren und sind die Schließungen zahlreicher Lokalausgaben, der Verkauf auch großer Titel und die sich verschärfenden Konzentrationstendenzen. Ebenfalls auffällig: Der herbe Verlust journalistischer Arbeitsplätze, völlig veränderte Produktionsbedingungen und damit einhergehende Arbeitsumschichtungen auf überregionale Zentralredaktionen. Die Auswirkungen der digitalen Transformation werden zwar oft beschworen, die tatsächliche Entwicklung ist derzeit aber noch nicht abschätzbar. Ob der Wandel eines klassischen Verlagshauses in „eines der größten digitalen Verlagshäuser Europas mit einer Reihe multimedialer Medienmarken“ – so die Selbstdarstellung der Axel Springer SE zum Jahresende 2014 – wegweisend sein wird für die gesamte Branche, wird sich erst noch zeigen.

Weiterbildung und Qualifizierung
Knapp besetzte Redaktionen führen aktuell dazu, dass Weiterbildung und Qualifizierung in zahlreichen Zeitungshäusern nur noch in Ausnahmefällen genehmigt werden. Dabei weiß jeder Personalentwickler, dass die gerne als Alternative angedachten Inhouse-Veranstaltungen zwar fachlichen Input liefern können, gleichwohl die so wesentliche Horizonterweiterung vernachlässigen.

Es ist einfach wichtig, sich mit Kolleginnen und Kollegen anderer Häuser austauschen zu können – und sei es auch nur beim abendlichen Zusammensein am Rande eines Seminars. Das weitet den Blick, schafft Raum für neue Ideen und gibt Kraft für die harte Alltagsrealität. Damit relativieren sich dann auch die Kosten für Seminare wie sie etwa die ITZ anbietet. Übrigens traditionell zu kleinen Preisen, die in anderen Branchen nicht vorstellbar sind.

Vordenken und Querdenken
„Die Zukunft der Zeitung ist die noch bessere Zeitung.“ Das ist der Leitsatz der ITZ seit ihrer Gründung im Jahr 1986. Stets ging es um Vordenken und Querdenken, um Diskussionen, auch um Streit, vor allem ums Weiterdenken. Im Hintergrund stand die Aufforderung, die richtigen Fragen zu stellen.

Die ITZ kann stolz sein auf eine Debattenkultur, die sich in zahlreichen Diskussions- und Strategiepapieren dokumentiert, in Seminarkonzepten und Seminardokumentationen. Diese Haltung kennzeichnet seit nunmehr 29 Jahren die frühere Arbeit bei der Herausgabe der „drehscheibe“ (1986 bis 2006) sowie die aktuelle Prägung bei den Weiterbildungsangeboten, die seit 2006 durch ITZ Geschäftsführer Reiner F. Kirst gemanagt werden.

Zum Selbstverständnis der ITZ gehörte es immer, Erkenntnisse und Diskussionen für die Branchenöffentlichkeit zu dokumentieren. In Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung war seit Ende der 1980er Jahre ein Verbundsystem entwickelt worden. Dazu gehörten:

• Das „ABC für Journalismus“;
• Die Reihe „Themen und Materialien für Journalisten“;
• Die „DREHSCHEIBE – der Pressedienst aus den Lokalredaktionen für die Lokalredaktionen“;
• Die Modellseminare der Bundeszentrale für politische Bildung, die sich an die Lokalredaktionen wendeten;
• Die „Werkstätten“ der ITZ, die auf die Führungsetagen der Tageszeitungen ausgerichtet waren;
• Veranstaltungen, die sich in den ersten Jahren nach dem Mauerfall gezielt an Journalistinnen und Journalisten in den neuen Bundesländern richteten.

Für die Branchenöffentlichkeit
1992 kam die Buchreihe „Lokalredaktion“ hinzu – ein Almanach mit Tipps und Terminen für die tägliche Redaktionsarbeit. Der damalige Vorsitzende der ITZ, der verstorbene Verleger Hans Medernach, schrieb im Vorwort: „Die Demokratie braucht den informierten, orientierten und handlungsbereiten Bürger. Der Zeitung, vor allem auch der Lokalzeitung, kommt dabei eine Schlüsselfunktion zu.“

Tipps, Themen und Termine fürs Lokale wurden bis 2006 in Herausgeberschaft der ITZ publiziert. Aus dem „Almanach für Journalisten“ war 2003 der Titel „Redaktion. Jahrbuch für Journalisten“ geworden. Berthold Flöper, in der Bundeszentrale für politische Bildung Nachfolger von Dieter Golombek, schrieb im Vorwort: „Die Zeitungsbranche ist in einer Krise. Das bestreitet niemand mehr. Wenn sich aber die Zeit des Jammerns und Klagens dem Ende zu neigt und das unerschütterliche optimistische Hoffen auf neue Umsätze wächst, gibt es Veränderungen … Die Krise in der Zeitungsbranche hat offensichtlich die kreativen Kräfte geweckt.“

Die Lust am Niedergang
Die Krise zieht sich durch all die Jahre der ITZ. Seit 1986 befinden sich die Häuser im Krisenmodus, mal mehr, mal weniger. Mal war das öffentliche Geschrei leiser, mal lauter. Das Zeitungssterben ist oft beschworen worden. Hilferufe an den Staat wurden bewusst klein gehalten. Die Debatte des Jahres 2014, ob es nicht eine Art Stiftung zur Förderung des Qualitätsjournalismus geben sollte, hat Außenminister Frank-Walter Steinmeier im November 2014 bei der Verleihung der „Lead Award“-Pressepreise in Hamburg mit einem deutlichen Seitenhieb kommentiert: „Ich bin nicht pauschal gegen Förderideen, aber als Politiker möchte ich doch darauf hinweisen, dass manche Konstruktionen Politiker in einige Versuchung führen könnten, die besseren Journalisten zu sein.“

Wird eine Krise abgewendet oder beendet, gibt es Hoffnung auf etwas Neues, das besser sein kann als das Vergangene. Nimmt die Entwicklung einen dauerhaft negativen Verlauf, schlittern wir in eine Katastrophe. Finanzkrise, Bankenkrise, Medienkrise? Niedergang einer ganzen Branche?

Die subjektive Seite einer Krise ist die Wahrnehmung durch die Betroffenen. Objektiv müssen wir historisch zurückblicken, einzelne Faktoren als Ganzes bewerten und die Angelegenheit distanziert betrachten. Das gilt für die gesamte Wirtschaft und alle Branchen – Zeitungsunternehmen machen da keine Ausnahme. Allein ihr demokratischer Auftrag schützt sie nicht davor, Veränderungen bei ihren Kunden – Leserinnen und Leser wie Anzeigenkunden – zu registrieren und adäquat darauf zu reagieren. Das gilt für die Verlagsabteilungen genauso wie für die Redaktionen.

Das gilt besonders auch für die Führungskräfte in den Zeitungshäusern. Aktuell müssen sie neue Kompetenzen im Umgang mit der digitalen Transformation erwerben. Journalistisches und kreatives Know-how, gepaart mit wirtschaftlichem Sachverstand, reichen nicht mehr. Zusätzlich gefordert ist technologische Kompetenz – bei der Umsetzung und der Distribution.

Enorme Veränderungsgeschwindigkeit
Die Medienbranche unterscheidet sich dabei wenig von anderen Branchen, die seit Jahren unter dem Druck des technologischen Wandels stehen. Sie alle müssen permanent an Innovationen arbeiten, technologische Trends adaptieren, Wettbewerbsentwicklungen nachvollziehen. Die Industrie 4.0 erzwingt eine Arbeitswelt 4.0. Seit etwa 15 Jahren sind die Veränderungsgeschwindigkeiten enorm –treffen aber erst seit wenigen Jahren die Medienbranche mit voller Wucht.

Da helfen dann auch die Rückblicke in ein wohlgeordnetes ITZ Archiv wenig. Das klassische Handwerk, Themenfindung und Konzepte lassen sich von damals auf heute übertragen. Das Umfeld, in dem sich Medien heute bewegen – mit neuen Plattformen, Endgeräten und Zugängen – macht es für Zeitungen und ihre Lokalredaktionen nicht einfach, ein optimales Angebot zu mixen: zwischen der großen weiten Welt und der Welt, in der die Menschen leben.

So bleibt in der Rückschau auf nahezu 30 Jahren ITZ nur das Fazit: Früher war nicht alles falsch. Gute Recherche gab es auch ohne „investigativen Journalismus“. Der Dialog mit der Leserin und dem Leser funktionierte auch ohne E-Mail, Facebook, Twitter & Co. Der „durchkomponierte Lokalteil“ und „Die unterhaltsame Tageszeitung“ waren schon 1989 in der Diskussion. „Wir müssen weiblicher, jünger und verständlicher werden“, ließ BDZV Präsident Helmut Heinen zuletzt 2012 verlauten.

Zum Schluss hat Jürgen Kaube (52) das Wort, seit wenigen Tagen im Herausgeber-Team der „FAZ“: „Eine Zeitung muss überraschen, neue Argumente und Erkenntnisse bieten … wir müssen nur verstanden werden und interessant argumentieren … Denn am Ende entscheidet die journalistische Qualität über Erfolg oder Misserfolg.“

So soll es denn sein. Mögen die Besten gewinnen.

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Gute Zeiten – schlechte Zeiten

ssd. „Verlierer sind für mich all jene, die ununterbrochen über den Niedergang unserer Branche jammern.“ Patricia Riekel ist seit 1996 Chefredakteurin von „Bunte“ und hat mit 65 Jahren viele Höhen und Tiefen erlebt. In der Dezember-Ausgabe von „kressreport“ wünscht sie sich mehr Optimismus in der Branche, „denn so schlecht steht es nicht um uns, vor allem nicht um die Print-Branche.“

Für zahlreiche Kolleginnen und Kollegen in den Zeitungsredaktionen dürfte die Jahresbilanz weniger optimistisch ausfallen. Nur zwei aktuelle Beispiele: Redakteurinnen und Redakteure der „Westfälischen Nachrichten“ haben im November 2014 dem Austritt aus der Tarifbindung zugestimmt und damit betriebsbedingte Kündigungen verhindert. Sie verzichten in den nächsten vier Jahren auf mehr Gehalt – eine Schlappe für die Gewerkschaften.

Eine Woche später folgte die Meldung, dass die „Kieler Nachrichten“ den Abbau von 30 Prozent der redaktionellen Arbeitsplätze planen; derzeit sind noch mehr als 100 Redakteurinnen und Redakteure in der Landeshauptstadt tätig.

Aufbruchsstimmung dagegen in anderen Häusern. Madsack feierte Ende November in Hannover sein neues „Redaktionsnetzwerk Deutschland“, kurz RND. Thomas Duffert, Vorsitzender der Madsack-Konzerngeschäftsführung, spricht von Qualitätsjournalismus, den Madsack wirklich ernst meine: „Ohne den Willen, am Qualitätsjournalismus festzuhalten, brauchten wir auch in Zukunft gar nicht erst anzutreten.“ Durch die Arbeitsumschichtung auf eine überregionale Zentralredaktion soll die lokale und regionale Berichterstattung der Zeitungen der Madsack Mediengruppe gestärkt werden. 35 Tageszeitungen beziehen derzeit die Dienste des RND, der Teil des Strukturierungsprogramms „Madsack 2018“ ist.

In Braunschweig fand am 21. November die ITZ Mitgliederversammlung 2014 statt. Gastgeber war die „Braunschweiger Zeitung“ (FUNKE Mediengruppe), die in das frisch bezogene BZV-Medienhaus an der Langen Straße eingeladen hatte. „Das Haus ist ein Zeichen des Aufbruchs“, versprach Geschäftsführer Harald Wahls bei der Eröffnung. „Das Kunststück der Zukunft ist, dass wir die wirtschaftliche Tragfähigkeit unseres Medienhauses erhalten müssen, um die Unabhängigkeit der Journalisten zu erhalten – und damit letztendlich das höchste Gut, was wir besitzen, nämlich die Glaubwürdigkeit der regionalen Tageszeitungen.“

Chefredakteur Armin Maus und seine Kolleginnen und Kollegen in den Redaktionen freuen sich über top-moderne Arbeitsplätze, die mit Blick auf ihre Bedürfnisse eingerichtet wurden. Der neue Standort im Stadtzentrum passe gut zum Konzept der „Bürgerzeitung“.

Zwei weitere gute Nachrichten. Über die Auszeichnung „Zeitung des Jahres“ durfte sich der „Tagesspiegel“ freuen. Bei den Lead Awards 2014 wurde die Berliner Tageszeitung für ihren „hochwertigen Magazinjournalismus auf Zeitungspapier“ belohnt.

Zu guter Letzt: 40 Prozent der 12- bis 19-Jährigen vertrauen der Berichterstattung der Tageszeitungen. Das hat die JIM-Studie 2014 (Jugend, Information, (Multi)Media) ergeben. Die Glaubwürdigkeit der Tageszeitungsberichterstattung wird von jungen Menschen seit vielen Jahren geschätzt. Die Studie wird seit 1988 jährlich vom Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (mpfs) in Zusammenarbeit mit dem Südwestfunk aufgelegt, Kooperationspartner ist die Zeitungs Marketing Gesellschaft (ZMG) in Frankfurt.

Öde Einfalt

ssd. Die missachtete Leserin? Familienfreundliche Arbeitszeiten? Führungspositionen in den Redaktionen? 98 Prozent der Chefposten bei Zeitungen sind mit Männern besetzt. Der Verein ProQuote will das ändern.

2012 erreichte ein Brandbrief von rund 350 Journalistinnen – von der Volontärin bis zur Fernsehintendantin – die deutschen Chefredakteure, Intendanten und Verleger. Die schlichte Frage des Schreibens lautete: „Innerhalb von fünf Jahren 30 Prozent der Führungspositionen in Redaktionen mit Frauen besetzen – auf allen Hierarchieebenen; schaffen Sie das?“ Seitdem wird über eine Quote im Journalismus gestritten.

Annette Bruhns, Vorsitzende des Vereins, bringt es immer wieder auf den Punkt: Gerade einmal zwei Prozent der Chefredakteurinnen deutscher Zeitungen sind Frauen. 18 Prozent sind es im Fernsehen, 22 Prozent bei den Online-Medien. „Nicht mal jeder fünfte Chefredakteur ist also eine Frau: Das ist kein Zeichen aufgeklärter Meinungsmache, sondern öde Einfalt.“

Der Frauenleitungsanteil bei den sogenannten Leitmedien ist bescheiden. An der Spitze liegt die „Zeit“ mit mehr als 35 Prozent, bei „Zeit Online“ sind es über 40 Prozent. Schlusslicht bildet weiterhin die „FAZ“ mit weniger als 10 Prozent. Auch im Herausgebergremium bleiben die Herren unter sich. Auf den verstorbenen Frank Schirrmacher folgt Anfang 2015 Jürgen Kaube.

Der Fortschritt ist eine Schnecke, weiß Annette Bruhns, Redakteurin beim „Spiegel“: „Es sind längst genug kompetente Frauen da, um auch die Hälfte die Verantwortung zu übernehmen – für das, worüber Deutschland redet, streitet, staunt.“

Krise war immer

ssd. Das Medienjahr 2014 hat viele Veränderungen gebracht und Opfer gefordert. Titel sind verschwunden, zahlreiche Ausgaben wurden dicht gemacht, journalistische Arbeitsplätze sind vernichtet worden. Der Strukturwandel in den deutschen Verlagen ist (wieder einmal?) in einer entscheidenden Phase.

Heute müssen wir feststellen, dass wir früher auf hohem Niveau gejammert haben. Beispiel: ITZ-Kongress im April 2003 in Duisburg. Titel: „Vision Zeitung“, Untertitel: „Die Krise als Chance“. Kräfte bündeln, Qualität sichern und fördern. So lautete das Erfolgskonzept: „Denn Qualität wird sich letztlich durchsetzen … Gedruckte Informationen sind weniger flüchtig, ausführliche Hintergrundberichte klären auf.“

Ernste Mienen auf der Gemeinschaftsveranstaltung mit Bundeszentrale für politische Bildung und Stiftung Presse-Haus, aber keinerlei Resignation. Und: „Qualitätsjournalismus ist auch mit kleineren Etats möglich.“ Sagte nicht etwa einer der anwesenden Verleger, sondern ein Chefredakteur. Weniger Redakteure machen mehr Seiten? Das muss nicht zwangsläufig ein Qualitätsverlust sein, berichtete ein anderes Mitglied der Chefredaktion.

Wer am Ende eines schwierigen Jahres 2014 aufmunternde Worte und Erholung sucht, sollte ins Archiv greifen. Der Zeitungskongress 2003 wurde auf 100 Seiten dokumentiert; die Dokumentation wurde nahezu allen Redaktionen in Deutschland zur Verfügung gestellt.

Opfer und Abhängigkeiten

ssd. Manche Fundstücke im ITZ Archiv sind so erhellend, dass sie vom Papier abgeschrieben werden müssen, um sie wenigstens in Auszügen für „Pustekuchen“ zugänglich zu machen. Hier geht es um „Wege zu einem selbstbewußten Lokaljournalismus“, Untertitel: „Alte Bevormundungen – neue Abhängigkeiten“. Ein ITZ Seminar in Berlin, vom 21. bis 25. Oktober 1991.

Zum Dialog eingeladen waren 21 Journalistinnen und Journalisten aus Ost und West, die Kollegen aus den damals fünf neuen Ländern waren in der Überzahl. „Von der Freiheit eines Journalistenmenschen“ berichtete Herbert Riehl-Heyse, 2003 verstorbener Kollege, lange Jahre bei der „Süddeutschen Zeitung“.

Die Thesen: „Der Journalist ist zur Zeit das beliebteste Opfer für Korruption in diesem Land. Wir werden ununterbrochen korrumpiert.“ Der Journalist habe nur eine Loyalität – und die sei beim Leser. Zudem seien Journalisten dazu da, der öffentlichen Hand „auf die Finger“ zu hauen und nicht Geld von ihr zu nehmen.

Der SZ-Mann berichtete vom lockeren Umgang mit Geld und Geschenken und PR-Artikeln, da Journalisten zu äußerst komfortablen Testreisen eingeladen würden. Riehl-Heyse: „Wir sind alle nicht frei, aber wir sollten uns wenigstens etwas dabei denken!“ Und: Viele passen sich an, weil sie Karriere machen wollen.

Beim Thema Umgang mit Politikern erzählte der Mann aus München von Inszenierungen für die Presse, „die nicht selten vor Geschmacklosigkeit“ strotzen: rührselige Fototermine, Einladungen zur Wanderung mit dem Landesvater, Ablenkungen von wirklichen Problemen.

„Der deutsche Journalist ist nicht korrupter als der deutsche Zahnarzt oder der deutsche Jurist.“ Der Journalist müsse die Versuchungen kennen und wissen, dass er ständig „umzingelt“ sei: „Journalismus ist wichtig; ohne Journalismus würde Demokratie nicht funktionieren. Es muß uns geben – ohne uns geht es nicht.“

ITZ-mehrWert: Familienfreundliche Arbeitszeiten

ssd. 2006 erschien in der Rubrik ITZ-mehrWert das Special „Familienfreundliche Arbeitszeiten“, ein Thema, das vor allem jüngere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Redaktionen seit jeher intensiv beschäftigt – und belastet. Ob sich die Situation 2014 fundamental geändert hat, darf bezweifelt werden.

Die Thesen 2006: „Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nicht nur für die meisten Eltern in Deutschland wichtig, sondern auch für die Unternehmen und den Wirtschaftsstandort Deutschland. Und wie sieht es in den Zeitungsunternehmen aus?

Das Ergebnis unserer stichprobenartigen Recherchen heißt nicht gerade Fehlanzeige – aber Angebote seitens der Verlage sind kaum vorhanden. Familienfreundliche Arbeitszeiten müssen Redakteurinnen und Redakteure bisher für sich selber mit Redaktionsleitung und Personalabteilung aushandeln. Und es sind wenige, die diesen Weg tatsächlich gehen.

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Leserinnen = Einkaufsentscheiderinnen

ssd. Mit Blick auf die Bedürfnisse der Leserinnen finden sich im ITZ Archiv nur wenige Versatzstücke in Seminardokumentationen. Diese sind immerhin stets mit dezenten Hinweisen verbunden, dass mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland weiblichen Geschlechts sind und Frauen immer noch die Einkaufsentscheider – mithin die wichtigste Zielgruppe für Anzeigen und Prospekte. Und heute extrem aktiv in den Sozialen Medien.

Media-Analysen, ZMG Untersuchungen oder ReaderScan-Ergebnisse kommen seit vielen Jahren zu identischen Aussagen: Leserinnen werden immer noch missachtet. Frauen interessieren sich stärker für ihre unmittelbare Lebenswelt – die klassische Stärke von Lokal- und Regionalzeitungen. Mehr Menschen, mehr Farbe, mehr Nutzen, Reportagen, Porträts und Interviews: Wenn Frauen gefragt werden, sagen sie klar, was sie wollen. Und: Eine „weiblichere“ Zeitung ist auch für jüngere Leserinnen und Leser attraktiv. Aber bitte kein „Frauen-Ghetto“.

Frauen und Fußball
Besonders schön liest sich aus heutiger Sicht die Seminarfrage nach dem Sport und der Leserin – ein dicker Aktenordner erzählt aus dem Jahr 2006 und dokumentiert das ITZ Seminar „Noch 100 Tage bis zur WM“. Unter „WM lokal“ wurde in Frankfurt diskutiert: „Der Fußball und die Frauen“. Leider ist das Material nicht online zugänglich, daher hier die Debatte nur in Auszügen.

Wegweisend die Themenideen:

„Die Spieler der WM in den Fokus der Frauen holen. Man kann Wahlen für Frauen veranstalten (Wer ist der hübscheste Spieler? Welcher Spieler hat den besten Körper/Haarschnitt/Po… Auch Fachfragen sind hier durchaus zulässig.)…“

„Frauen sehen Fußball: Wie machen sie das? Wo gucken die? Vielleicht versammeln wir als Redaktion auch einfach ein paar Frauen zu einem Kaffeekranz- oder Sekt-Fußballabend …“

„Einen Kinder-Mütter-Kick organisieren“

„An einigen Volkshochschulen werden spezielle Fußball-Schulungskurse für Frauen angeboten. Auch wir als Zeitung könnten Fachbegriffe klären oder klären lassen, vielleicht auch von einer Fußball spielenden Frau“.

Und dann noch die Muffelfrauen: „Eine Meckerecke für Frustrierte einrichten, Flucht vor dem Fußball, Nachfrage in Reisebüros.“

Neben diesen teils skurril anmutenden Ansätzen soll ein weiteres Thema nicht verschwiegen werden: „Gewalt gegen Frauen: Werden Frauen zu Opfern frustrierter Fans? Wie können sie sich in solchen Situationen wehren?“

Mehr zum Thema: Media-Analyse Tageszeitungen
Die Tageszeitungsnutzung wird gemeinsam mit den Zeitschriften in der Media-Analyse (ma) in 39.000 Interviews in zwei Wellen erhoben. Aufgrund der meist regionalen Verbreitung der Tageszeitungen werden diese im Unterschied zu Zeitschriften auf Basis von annähernd 140.000 Fällen ausgewiesen. Die Veröffentlichung erfolgt in Berichten und Datensätzen für den „Leser pro Ausgabe“. Der Datensatz repräsentiert mit etwa 1600 Belegungseinheiten nahezu 100 Prozent des deutschen Zeitungsmarkts.

Die Readerscan-Methode
Das elektronische Verfahren zur Erfassung des Leseverhaltens bei Printmedien wurde vom Schweizer Carlo Imboden entwickelt. Imboden hat bereits vor zehn Jahren auf das enorme Potenzial der Tageszeitung in der Zielgruppe Frauen verwiesen. Zum Beispiel in der Fachzeitschrift „medium magazin“.