Rückschläge und Fortschritte

ssd. Only bad news are good news. Wenn dieses Gesetz zur Erzeugung medialer Aufmerksamkeit tatsächlich stimmen sollte, dann hätten die gedruckten Medien ein fulminantes Jahr erlebt.

Die „Westfälische Rundschau“ wurde von der Funke Mediengruppe Ende September 2014 in ein Insolvenzverfahren in Eigenregie geschickt. Das „Darmstädter Echo“ machte Schlagzeilen mit der Streichung jeder zweiten Stelle. Von rund 300 Vollzeitstellen bleiben lediglich 140 erhalten. Selbst die „FAZ“ kündigte massive Sparprogramme an: 160 Stellen im Verlag, 40 in den Redaktionen sollen gestrichen werden. In der Mediengruppe M. DuMont Schauberg (MDS) soll das Programm „Perspektive Wachstum“ greifen, das offenbar darauf zielt, bestimmte Verlagsfunktionen konzernweit zu konzentrieren. Zunächst aber bedeutet das Stellenstreichungen.

Redaktionen ohne Redakteure
Der Jahreszeitenverlag hat es bei seinen Zeitschriften längst vorgemacht und Blattmacherteams und Servicegruppen eingerichtet. Bei Gruner + Jahr gibt es jetzt betriebsbedingte Kündigungen aller schreibenden Redakteurinnen und Redakteure, auch „Geo“, „Geo Saison“ und „Geo Spezial“ sind betroffen. Texte sollen künftig über Autorenpools eingekauft werden. Der Hamburger Verlag, der im Oktober 2014 komplett in das Eigentum von Bertelsmann gelangt ist, will in den kommenden Jahren bis zu 400 Stellen streichen und 75 Millionen Euro einsparen.

Wo einst Publizisten wirkten, haben jetzt Manager das Sagen, beklagte am 12. Oktober 2014 in der „Welt am Sonntag“ die Enkelin von „Stern“-Gründer Henri Nannen die – aus ihrer Sicht – aktuelle Gefährdung des Journalismus. Und: „Vielleicht ist der Gedanke, Bertelsmann könne G+J filetieren und Teile verkaufen, gar keine Drohung, sondern eine Verheißung? … Vielleicht müssen Marken wieder individuell gepflegt werden. Vielleicht muss man sie persönlich nehmen.“
Alles nicht gut genug?

Der langjährige „Spiegel“-Chefredakteurin Stefan Aust, jetzt Herausgeber der „Welt“, kritisierte, dass einige Verlage noch so getan hätten, als gehe die Medienkrise an ihnen vorüber: „Nicht der Journalismus ist dabei im Kern betroffen, aber es wird für einige Bereiche das Transportmittel und die Art der Finanzierung gewechselt. Wer jetzt laut jammert, hat nicht begriffen, dass das Geschäftsmodell im Erarbeiten und Verbreiten von guten Inhalten besteht und nicht darin, Papier zu bedrucken.“ Gregor Vogelsang, Geschäftsführer der Burda Magazine Holding, assistiert im kress Mediendienst: „Ich halte es für blanken Unsinn, dass die Leute für Inhalte nicht zahlen … Es kann auch einfach daran liegen, dass unsere Angebote nicht gut genug sind.“

Dynamik bei Online-Bezahlmodellen
Wenden wir uns den guten Nachrichten zu. Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger listet Anfang November 2014 immerhin 100 Online-Bezahlangebote von 351 Tageszeitungen auf. Jüngster Zugang ist die „Nordwest-Zeitung“ in Oldenburg.

„Wir wollen für alle relevanten regionalen Themen der Platzhirsch sein“, begründet die „Neue Osnabrücker Zeitung“ ihr intensives Engagement im Mobile-Markt. Interessant: die Campus-App für Studierende. Die „Stuttgarter Zeitung“ experimentiert seit September mit der App „S-Vibe“.

Innovationen und spannende Ideen
Die „Zeit“ will uns ab März 2015 viermal im Jahr mit einem neuen Finanzmagazin beglücken. Die „FAZ“ wird ihr Magazin 2015 jeden zweiten Samstag im Monat erscheinen lassen. Bei der „Rheinischen Post“ ist eine Zeitung „Die Wirtschaft in NRW“ in Arbeit. In Berlin ist seit Oktober ein neues Magazin „Unser Berlin. Fotos erzählen Stadtgeschichte(n)“ auf dem Markt. Der „Berliner Kurier“ füllt Seiten mit den Fotos seiner Leserinnen und Leser. In Köln wagt sich DuMont mit der Nachmittagszeitung „XTRA“ an jüngere Leserinnen und Leser zwischen 19 und 39.

Und dann noch diese gute Nachricht: Aldi Süd will wieder in der der Tagespresse werben. Und wenn gar nichts mehr hilft, kommt die ZMG Zeitungs Marketing Gesellschaft aus der Kiste: Wer langsamer wirbt, wirkt stärker, behauptet die neue Fachkampagne. Diesen Begriff muss man sich aber nicht merken: „Slo-vertising“ wird die neue Werbelangsamkeit genannt. Wir lernen: „Kommunikative Ruhe- und Konzentrationszentren“ haben auch ihren Reiz. Wer’s glauben mag: „Zeitungswerbung ist keine flüchtige Randnotiz, sondern verankert Botschaften nachhaltig im Gehirn“.

Konzentration und Reflexion: In diesem Sinne durchforsten wir noch einmal das ITZ Archiv.

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