Voll auf die Presse

ssd. Verlage verdienen weniger Geld, Redaktionen werden geschrumpft, das Internet produziert neue Spielregeln, die Leserinnen und Leser wollen mitreden. Harte Zeiten für den Journalismus, der mit existenziellen Problemen kämpft. Mitten in die Diskussionen ums Geld schwappt eine Glaubwürdigkeitskrise übers Land. In den sozialen Medien sind Beschimpfungen und Verschwörungstheorien an der Tagesordnung. Da wird drauflosspekuliert, dass verlogene, korrupte und gemeine Journalisten die Medien beherrschen.
Ausgerechnet ein Top-Politiker macht sich Sorgen über eine Schwächung des Journalismus. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat bei der Verleihung der „LeadAwards 2014“ am 14. November in Hamburg Klartext gesprochen. Am Tag darauf krönte eine gekürzte Fassung seiner Rede die erste Seite des FAZ Feuilletons.

Qualität, Relevanz und Vielfalt
Liebevoll aber deutlich kritisiert Steinmeier einen Berufsstand, den er nicht missen möchte, denn: „Wir brauchen sie, die kritischen, fundierten, relevanten Berichte.“ Aber auch: „Der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch.“

Was tun, um aus der Krise zu kommen? „Mit Sparen allein wird das nicht gehen. Wichtiger ist vielleicht, sich auf das Fundament des Erfolgs zu besinnen: Qualität, Relevanz und Vielfalt. Es geht um die richtigen Prioritäten. Das heißt: Journalismus zuerst!“

Das ultimative Rezept ist das natürlich nicht, aber es tut gut: „Es muss alles getan werden, damit Journalisten weiterhin gute Arbeit leisten können. Die Medienwirtschaft ist keine Branche wie jede andere. Deshalb hoffe und vertraue ich darauf, dass die Presse die aktuellen Krisen meistert. Wir brauchen sie!“
LEAD ACADEMY für Medien e. V.

Kreativer Aderlass
Ins gleiche Horn tutet Ingrid Kolb, von 1995 bis 2006 als Nachfolgerin von Wolf Schneider Leiterin der Henri-Nannen-Journalistenschule von Gruner + Jahr. Die 73-Jährige hat einen Brief an die Vorstandsvorsitzende des Verlags, Julia Jäkel, geschrieben. Sie kritisiert die Entlassung von 25 Redakteurinnen und Redakteuren bei „Geo“ und „Brigitte“ – die erfolgreichsten Magazine und Zeitungen würden schließlich von Menschen gemacht, die sich mit ihrem Blatt identifizieren. Bei der „Brigitte“ soll das schreibende Personal gen Null reduziert werden. Kolbe zornig: „Genauso gut könnte die Lufthansa sagen: Fliegende Piloten entfallen.“

Verlagschefin Jäkel hat jetzt Zeit genug, an der Neuausrichtung des Verlags zu arbeiten, der Anfang November 2014 komplett von Bertelsmann übernommen worden ist. Ihr Vertrag wurde um fünf Jahre verlängert. Sie und ihre Vorstandskollegen Oliver Radtke und Stephan Schäfer werden dann allerdings Geschäftsführer, Julia Jäkel Vorsitzende der Geschäftsführung. Denn G+J wird in eine GmbH & Co. KG. umgewandelt.

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