Seltene Spezies: Ombudsleute

jfn. Es geht um Qualität, um Dialog und um Glaubwürdigkeit. Etwa 90 soll es weltweit geben, zwölf arbeiten in Deutschland: Medien-Ombudsleute. Der erste „Leser-Vertreter“ nahm in den USA in den 1970er Jahren seinen Dienst auf. In Deutschland war der stellvertretende „Main-Post“-Chefredakteur Anton Sahlender 2004 der erste Medien-Ombudsmann. Jahrelang war Sahlender ein Unikat in Deutschlands Presselandschaft, seine Serie Der Leseranwalt ist preisgekrönt und wird bis heute von den Leserinnen und Lesern der Main-Post geschätzt. Auch nach seiner Pensionierung wird das langjährige Mitglied im ITZ Vorstand der Leserschaft erhalten bleiben.

Mut zu mehr Transparenz!
Warum nur wagen so wenige Tageszeitungen den offenen und ehrlichen Dialog mit ihren Leserinnen und Lesern? Anton Sahlender äußerte sich in einem Interview mit European Journalism Observatorium (EJO): „Ich denke, Grund dafür ist momentan vor allem die Furcht davor, dass ein Redakteur aus dem operativen Journalismus entfernt wird und eine neue Rolle zugeteilt bekommt, wobei man zurzeit sowieso überall personell auf Kante genäht ist. Die meisten Redakteure empfinden Ombudsleute noch nicht als sinnvollen Beitrag für das eigene Medium, sondern als eine zusätzliche Serviceleistung, die ihrer Meinung nach hinter dem Journalismus zurückstehen muss – und das denke ich eben nicht; ich bin der Meinung, dass sie dazu gehören sollten. Unwissenheit ist auch ein Grund für die geringe Resonanz. Die wenigsten deutschen Medienhäuser wissen, was Ombudsleute machen.“

Vorteile über Vorteile
Die Pluspunkte eines Leseranwaltes liegen auf der Hand. „Er vermittelt im Streitfall und versucht, die Gemüter zu beruhigen. Er pflegt den Dialog mit den Lesern, und bekommt Themenanregungen frei Haus, die er an die Redaktionen weitergeben kann. Er bügelt redaktionelle Fehler aus, macht journalistische Arbeit verständlicher, transparenter und glaubwürdiger, fördert die Diskussionskultur und die Selbstreflexion in der Redaktion. Und er sorgt obendrein dafür, dass das Blatt durch eine viel gelesene Kolumne attraktiver wird.“ (journalist 4/2007)

Das Ombudsmann-Konzept etabliert sich dennoch nur langsam in den deutschen Medien. Aktuell (Stand Dezember 2014) leisten sich zehn deutsche Regionalzeitungen Leseranwälte. Sie sind organisiert in der „Vereinigung der Medienombudsleute“, VDMO. „Dieses Unumstößliche, dieses gedruckte Schwarz auf Weiß, das wird uns Zeitungsjournalisten nicht mehr abgenommen. Wir müssen den dialogischen Journalismus nicht nur online, sondern auch in den Zeitungen betreiben. Wenn wir das nicht schaffen, werden wir noch weniger angenommen“, so Anton Sahlender.

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