Missachtung auf niedrigem Niveau

ssd. „Der mißachtete Leser“ hat es gut. Bei Google landet er immerhin rund 460.000 Treffer. Und das 1969 erschienene Standardwerk von Peter Glotz und Wolfgang R. Langenbucher mit dem Untertitel „Zur Kritik der deutschen Presse“ lohnt immer noch ein Reinlesen.

Ganz anders „Die mißachtete Leserin“. Google fragt fröhlich: „Meinten Sie: Die missachtete Leser?“ Die Frage kennzeichnet die Situation in den Zeitungshäusern. Frau muss schon sehr intensiv suchen, um aktuelle Konzepte zu finden, die sich explizit mit der Zielgruppe Leserinnen beschäftigen. Ist das Thema längst kein Thema mehr? So mancher Kommentar rund um der deutschen Wirtschaft Lieblingsthema „Frauenförderung und Quote“ hat 2014 einen anderen Eindruck hinterlassen.

Auch die ITZ hat das Thema nicht kontinuierlich verfolgt. Die Bundeszentrale für politische Bildung hatte – eher widerwillig – Ende der 1980er Jahre zwei „Modellseminare“ veranstaltet und der für damalige Verhältnisse revolutionären Idee des Seminarteams zugestimmt, doch schlicht mehrere Leserinnen zu fragen, was sie in ihrer Zeitung lesen wollen.

Der unkonventionelle Austausch der Redakteurinnen mit ihrer Zielgruppe legte die Basis für eine umfangreiche Dokumentation, in der Dutzende von hilfreichen Tipps im Umgang mit den Leserinnen festgehalten waren. Da die Redakteurinnen zum Schluss der Woche allerdings auf die verwegene Idee kamen, dass weibliche Führungskräfte in den Redaktionen möglicherweise zu einer veränderten Herangehensweise an Themen führen könnten, waren die Reaktionen bei Lokalchefs und in den Chefredaktionen mehr als verhalten. Der selbstredend nur hinter vorgehaltener Hand geäußerte Verdacht, das Seminar sei von wildgewordenen Feministinnen unterwandert worden, führte zu erhitzten Diskussionen – bei denen die Leserinnen zunächst auf der Strecke blieben.

Frühjahrsputz und Förderpläne
Im März 1988 wurde „Die mißachtete Leserin“ ein zweites Mal eine Woche lang seziert. Im Gegensatz zur ersten Veranstaltung in Oktober 1987 in Wiesbaden war das zweite Modellseminar ausgebucht. Leserinnen standen plötzlich hoch im Kurs, in den Verlagen hatte sich herumgesprochen, dass es in Augsburg um praxisorientierte Konzepte gehen sollte, mit denen Zeitungen der wichtigen Zielgruppe Frauen auf die Spur kommen wollten. Um weiblichem Übermut vorzubeugen, wurde Ulrich Homann von der „Badischen Zeitung“ in die Seminarleitung entsandt. Die leicht angegraute Seminardokumentation mit dem Titel „Frühjahrsputz und Förderpläne“ umfasste rund 100 Seiten. Erneut erhellend: Die Diskussion der Seminarteilnehmerinnen mit den Leserinnen.

26 Jahre später lesen sich die Handlungsempfehlungen der Arbeitsgruppen „Frauen und Politik“, „Frauen und Arbeit“ sowie „Frauen, Strategien, Sprache“ seltsam aktuell. Gleiches gilt im Übrigen für die Unterlagen zum Seminar „Die Zukunft ist weiblich“, Untertitel: „Gute Journalistinnen kommen überall hin.“ Zur international besetzten Veranstaltung hatte die Bundeszentrale für politische Bildung im November 2008 nach Wien eingeladen, in Kooperation mit den Fachzeitschriften „MediumMagazin“, „Schweizer Journalist“ und „Der Österreichische Journalist“.

Ob die weibliche Zukunft Ende 2014 wohl endlich in der Gegenwart angekommen ist?

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