Ein Hoch auf das, was vor uns liegt

Im kommenden Jahr wird die ITZ Initiative Tageszeitung 30 Jahre alt. Aus Anlass des 25jährigen Jubiläums im Jahr 2011 wurde das ITZ Archiv durchforstet und neu geordnet. Im Jahr 2014 wurde geprüft, welche Diskussionen, Themenideen und Konzepte heute noch aktuell und für die Produktion von Tageszeitungen verwertbar sind.

Die wesentlichen Ergebnisse dieser Prüfung finden sich in diesem Blog. Ein großer Teil des Materials wird auch künftig in Ordnern und Kisten gelagert und kann nicht elektronisch zugänglich gemacht werden. Der Aufwand wäre unverhältnismäßig hoch.

Susanne Schaefer-Dieterle, eine der Autorinnen von „Pustekuchen“ und seit vielen Jahren im Vorstand der ITZ, kommentiert zum Abschluss der Arbeiten Einsichten und Erkenntnisse, die die ITZ Arbeit nahezu 30 Jahre lang bestimmt haben.

Krise ist immer

Die drei wesentlichen Erkenntnisse der „Notgrabung“ im ITZ Archiv lauten:

• Krise ist immer.
• Totgesagte leben länger.
• Es lebe die journalistische Qualität.

Eine weitere Erkenntnis nach der Durchsicht von rund 25 Archivkisten: Journalismus und Mode haben viel gemeinsam. Es ist alles schon einmal da gewesen:

• Das Jammern über schlechte Arbeitsbedingungen und permanenten Zeitdruck.
• Hilflosigkeit angesichts der Machtverschiebungen in den Verlagen.
• Das Gefühl, die Leserin, den Leser nicht zu erreichen.
• Die Suche nach dem Wesen von Qualität.
• Das Wissen, dass die Jungen den Alten überlegen sind.
• Und die Alten den Jungen.
• Konzepte und Rezepte für die redaktionelle Arbeit.

Neu in den letzten fünf Jahren waren und sind die Schließungen zahlreicher Lokalausgaben, der Verkauf auch großer Titel und die sich verschärfenden Konzentrationstendenzen. Ebenfalls auffällig: Der herbe Verlust journalistischer Arbeitsplätze, völlig veränderte Produktionsbedingungen und damit einhergehende Arbeitsumschichtungen auf überregionale Zentralredaktionen. Die Auswirkungen der digitalen Transformation werden zwar oft beschworen, die tatsächliche Entwicklung ist derzeit aber noch nicht abschätzbar. Ob der Wandel eines klassischen Verlagshauses in „eines der größten digitalen Verlagshäuser Europas mit einer Reihe multimedialer Medienmarken“ – so die Selbstdarstellung der Axel Springer SE zum Jahresende 2014 – wegweisend sein wird für die gesamte Branche, wird sich erst noch zeigen.

Weiterbildung und Qualifizierung
Knapp besetzte Redaktionen führen aktuell dazu, dass Weiterbildung und Qualifizierung in zahlreichen Zeitungshäusern nur noch in Ausnahmefällen genehmigt werden. Dabei weiß jeder Personalentwickler, dass die gerne als Alternative angedachten Inhouse-Veranstaltungen zwar fachlichen Input liefern können, gleichwohl die so wesentliche Horizonterweiterung vernachlässigen.

Es ist einfach wichtig, sich mit Kolleginnen und Kollegen anderer Häuser austauschen zu können – und sei es auch nur beim abendlichen Zusammensein am Rande eines Seminars. Das weitet den Blick, schafft Raum für neue Ideen und gibt Kraft für die harte Alltagsrealität. Damit relativieren sich dann auch die Kosten für Seminare wie sie etwa die ITZ anbietet. Übrigens traditionell zu kleinen Preisen, die in anderen Branchen nicht vorstellbar sind.

Vordenken und Querdenken
„Die Zukunft der Zeitung ist die noch bessere Zeitung.“ Das ist der Leitsatz der ITZ seit ihrer Gründung im Jahr 1986. Stets ging es um Vordenken und Querdenken, um Diskussionen, auch um Streit, vor allem ums Weiterdenken. Im Hintergrund stand die Aufforderung, die richtigen Fragen zu stellen.

Die ITZ kann stolz sein auf eine Debattenkultur, die sich in zahlreichen Diskussions- und Strategiepapieren dokumentiert, in Seminarkonzepten und Seminardokumentationen. Diese Haltung kennzeichnet seit nunmehr 29 Jahren die frühere Arbeit bei der Herausgabe der „drehscheibe“ (1986 bis 2006) sowie die aktuelle Prägung bei den Weiterbildungsangeboten, die seit 2006 durch ITZ Geschäftsführer Reiner F. Kirst gemanagt werden.

Zum Selbstverständnis der ITZ gehörte es immer, Erkenntnisse und Diskussionen für die Branchenöffentlichkeit zu dokumentieren. In Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung war seit Ende der 1980er Jahre ein Verbundsystem entwickelt worden. Dazu gehörten:

• Das „ABC für Journalismus“;
• Die Reihe „Themen und Materialien für Journalisten“;
• Die „DREHSCHEIBE – der Pressedienst aus den Lokalredaktionen für die Lokalredaktionen“;
• Die Modellseminare der Bundeszentrale für politische Bildung, die sich an die Lokalredaktionen wendeten;
• Die „Werkstätten“ der ITZ, die auf die Führungsetagen der Tageszeitungen ausgerichtet waren;
• Veranstaltungen, die sich in den ersten Jahren nach dem Mauerfall gezielt an Journalistinnen und Journalisten in den neuen Bundesländern richteten.

Für die Branchenöffentlichkeit
1992 kam die Buchreihe „Lokalredaktion“ hinzu – ein Almanach mit Tipps und Terminen für die tägliche Redaktionsarbeit. Der damalige Vorsitzende der ITZ, der verstorbene Verleger Hans Medernach, schrieb im Vorwort: „Die Demokratie braucht den informierten, orientierten und handlungsbereiten Bürger. Der Zeitung, vor allem auch der Lokalzeitung, kommt dabei eine Schlüsselfunktion zu.“

Tipps, Themen und Termine fürs Lokale wurden bis 2006 in Herausgeberschaft der ITZ publiziert. Aus dem „Almanach für Journalisten“ war 2003 der Titel „Redaktion. Jahrbuch für Journalisten“ geworden. Berthold Flöper, in der Bundeszentrale für politische Bildung Nachfolger von Dieter Golombek, schrieb im Vorwort: „Die Zeitungsbranche ist in einer Krise. Das bestreitet niemand mehr. Wenn sich aber die Zeit des Jammerns und Klagens dem Ende zu neigt und das unerschütterliche optimistische Hoffen auf neue Umsätze wächst, gibt es Veränderungen … Die Krise in der Zeitungsbranche hat offensichtlich die kreativen Kräfte geweckt.“

Die Lust am Niedergang
Die Krise zieht sich durch all die Jahre der ITZ. Seit 1986 befinden sich die Häuser im Krisenmodus, mal mehr, mal weniger. Mal war das öffentliche Geschrei leiser, mal lauter. Das Zeitungssterben ist oft beschworen worden. Hilferufe an den Staat wurden bewusst klein gehalten. Die Debatte des Jahres 2014, ob es nicht eine Art Stiftung zur Förderung des Qualitätsjournalismus geben sollte, hat Außenminister Frank-Walter Steinmeier im November 2014 bei der Verleihung der „Lead Award“-Pressepreise in Hamburg mit einem deutlichen Seitenhieb kommentiert: „Ich bin nicht pauschal gegen Förderideen, aber als Politiker möchte ich doch darauf hinweisen, dass manche Konstruktionen Politiker in einige Versuchung führen könnten, die besseren Journalisten zu sein.“

Wird eine Krise abgewendet oder beendet, gibt es Hoffnung auf etwas Neues, das besser sein kann als das Vergangene. Nimmt die Entwicklung einen dauerhaft negativen Verlauf, schlittern wir in eine Katastrophe. Finanzkrise, Bankenkrise, Medienkrise? Niedergang einer ganzen Branche?

Die subjektive Seite einer Krise ist die Wahrnehmung durch die Betroffenen. Objektiv müssen wir historisch zurückblicken, einzelne Faktoren als Ganzes bewerten und die Angelegenheit distanziert betrachten. Das gilt für die gesamte Wirtschaft und alle Branchen – Zeitungsunternehmen machen da keine Ausnahme. Allein ihr demokratischer Auftrag schützt sie nicht davor, Veränderungen bei ihren Kunden – Leserinnen und Leser wie Anzeigenkunden – zu registrieren und adäquat darauf zu reagieren. Das gilt für die Verlagsabteilungen genauso wie für die Redaktionen.

Das gilt besonders auch für die Führungskräfte in den Zeitungshäusern. Aktuell müssen sie neue Kompetenzen im Umgang mit der digitalen Transformation erwerben. Journalistisches und kreatives Know-how, gepaart mit wirtschaftlichem Sachverstand, reichen nicht mehr. Zusätzlich gefordert ist technologische Kompetenz – bei der Umsetzung und der Distribution.

Enorme Veränderungsgeschwindigkeit
Die Medienbranche unterscheidet sich dabei wenig von anderen Branchen, die seit Jahren unter dem Druck des technologischen Wandels stehen. Sie alle müssen permanent an Innovationen arbeiten, technologische Trends adaptieren, Wettbewerbsentwicklungen nachvollziehen. Die Industrie 4.0 erzwingt eine Arbeitswelt 4.0. Seit etwa 15 Jahren sind die Veränderungsgeschwindigkeiten enorm –treffen aber erst seit wenigen Jahren die Medienbranche mit voller Wucht.

Da helfen dann auch die Rückblicke in ein wohlgeordnetes ITZ Archiv wenig. Das klassische Handwerk, Themenfindung und Konzepte lassen sich von damals auf heute übertragen. Das Umfeld, in dem sich Medien heute bewegen – mit neuen Plattformen, Endgeräten und Zugängen – macht es für Zeitungen und ihre Lokalredaktionen nicht einfach, ein optimales Angebot zu mixen: zwischen der großen weiten Welt und der Welt, in der die Menschen leben.

So bleibt in der Rückschau auf nahezu 30 Jahren ITZ nur das Fazit: Früher war nicht alles falsch. Gute Recherche gab es auch ohne „investigativen Journalismus“. Der Dialog mit der Leserin und dem Leser funktionierte auch ohne E-Mail, Facebook, Twitter & Co. Der „durchkomponierte Lokalteil“ und „Die unterhaltsame Tageszeitung“ waren schon 1989 in der Diskussion. „Wir müssen weiblicher, jünger und verständlicher werden“, ließ BDZV Präsident Helmut Heinen zuletzt 2012 verlauten.

Zum Schluss hat Jürgen Kaube (52) das Wort, seit wenigen Tagen im Herausgeber-Team der „FAZ“: „Eine Zeitung muss überraschen, neue Argumente und Erkenntnisse bieten … wir müssen nur verstanden werden und interessant argumentieren … Denn am Ende entscheidet die journalistische Qualität über Erfolg oder Misserfolg.“

So soll es denn sein. Mögen die Besten gewinnen.

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