Gute Zeiten – schlechte Zeiten

ssd. „Verlierer sind für mich all jene, die ununterbrochen über den Niedergang unserer Branche jammern.“ Patricia Riekel ist seit 1996 Chefredakteurin von „Bunte“ und hat mit 65 Jahren viele Höhen und Tiefen erlebt. In der Dezember-Ausgabe von „kressreport“ wünscht sie sich mehr Optimismus in der Branche, „denn so schlecht steht es nicht um uns, vor allem nicht um die Print-Branche.“

Für zahlreiche Kolleginnen und Kollegen in den Zeitungsredaktionen dürfte die Jahresbilanz weniger optimistisch ausfallen. Nur zwei aktuelle Beispiele: Redakteurinnen und Redakteure der „Westfälischen Nachrichten“ haben im November 2014 dem Austritt aus der Tarifbindung zugestimmt und damit betriebsbedingte Kündigungen verhindert. Sie verzichten in den nächsten vier Jahren auf mehr Gehalt – eine Schlappe für die Gewerkschaften.

Eine Woche später folgte die Meldung, dass die „Kieler Nachrichten“ den Abbau von 30 Prozent der redaktionellen Arbeitsplätze planen; derzeit sind noch mehr als 100 Redakteurinnen und Redakteure in der Landeshauptstadt tätig.

Aufbruchsstimmung dagegen in anderen Häusern. Madsack feierte Ende November in Hannover sein neues „Redaktionsnetzwerk Deutschland“, kurz RND. Thomas Duffert, Vorsitzender der Madsack-Konzerngeschäftsführung, spricht von Qualitätsjournalismus, den Madsack wirklich ernst meine: „Ohne den Willen, am Qualitätsjournalismus festzuhalten, brauchten wir auch in Zukunft gar nicht erst anzutreten.“ Durch die Arbeitsumschichtung auf eine überregionale Zentralredaktion soll die lokale und regionale Berichterstattung der Zeitungen der Madsack Mediengruppe gestärkt werden. 35 Tageszeitungen beziehen derzeit die Dienste des RND, der Teil des Strukturierungsprogramms „Madsack 2018“ ist.

In Braunschweig fand am 21. November die ITZ Mitgliederversammlung 2014 statt. Gastgeber war die „Braunschweiger Zeitung“ (FUNKE Mediengruppe), die in das frisch bezogene BZV-Medienhaus an der Langen Straße eingeladen hatte. „Das Haus ist ein Zeichen des Aufbruchs“, versprach Geschäftsführer Harald Wahls bei der Eröffnung. „Das Kunststück der Zukunft ist, dass wir die wirtschaftliche Tragfähigkeit unseres Medienhauses erhalten müssen, um die Unabhängigkeit der Journalisten zu erhalten – und damit letztendlich das höchste Gut, was wir besitzen, nämlich die Glaubwürdigkeit der regionalen Tageszeitungen.“

Chefredakteur Armin Maus und seine Kolleginnen und Kollegen in den Redaktionen freuen sich über top-moderne Arbeitsplätze, die mit Blick auf ihre Bedürfnisse eingerichtet wurden. Der neue Standort im Stadtzentrum passe gut zum Konzept der „Bürgerzeitung“.

Zwei weitere gute Nachrichten. Über die Auszeichnung „Zeitung des Jahres“ durfte sich der „Tagesspiegel“ freuen. Bei den Lead Awards 2014 wurde die Berliner Tageszeitung für ihren „hochwertigen Magazinjournalismus auf Zeitungspapier“ belohnt.

Zu guter Letzt: 40 Prozent der 12- bis 19-Jährigen vertrauen der Berichterstattung der Tageszeitungen. Das hat die JIM-Studie 2014 (Jugend, Information, (Multi)Media) ergeben. Die Glaubwürdigkeit der Tageszeitungsberichterstattung wird von jungen Menschen seit vielen Jahren geschätzt. Die Studie wird seit 1988 jährlich vom Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (mpfs) in Zusammenarbeit mit dem Südwestfunk aufgelegt, Kooperationspartner ist die Zeitungs Marketing Gesellschaft (ZMG) in Frankfurt.

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Krise war immer

ssd. Das Medienjahr 2014 hat viele Veränderungen gebracht und Opfer gefordert. Titel sind verschwunden, zahlreiche Ausgaben wurden dicht gemacht, journalistische Arbeitsplätze sind vernichtet worden. Der Strukturwandel in den deutschen Verlagen ist (wieder einmal?) in einer entscheidenden Phase.

Heute müssen wir feststellen, dass wir früher auf hohem Niveau gejammert haben. Beispiel: ITZ-Kongress im April 2003 in Duisburg. Titel: „Vision Zeitung“, Untertitel: „Die Krise als Chance“. Kräfte bündeln, Qualität sichern und fördern. So lautete das Erfolgskonzept: „Denn Qualität wird sich letztlich durchsetzen … Gedruckte Informationen sind weniger flüchtig, ausführliche Hintergrundberichte klären auf.“

Ernste Mienen auf der Gemeinschaftsveranstaltung mit Bundeszentrale für politische Bildung und Stiftung Presse-Haus, aber keinerlei Resignation. Und: „Qualitätsjournalismus ist auch mit kleineren Etats möglich.“ Sagte nicht etwa einer der anwesenden Verleger, sondern ein Chefredakteur. Weniger Redakteure machen mehr Seiten? Das muss nicht zwangsläufig ein Qualitätsverlust sein, berichtete ein anderes Mitglied der Chefredaktion.

Wer am Ende eines schwierigen Jahres 2014 aufmunternde Worte und Erholung sucht, sollte ins Archiv greifen. Der Zeitungskongress 2003 wurde auf 100 Seiten dokumentiert; die Dokumentation wurde nahezu allen Redaktionen in Deutschland zur Verfügung gestellt.

Opfer und Abhängigkeiten

ssd. Manche Fundstücke im ITZ Archiv sind so erhellend, dass sie vom Papier abgeschrieben werden müssen, um sie wenigstens in Auszügen für „Pustekuchen“ zugänglich zu machen. Hier geht es um „Wege zu einem selbstbewußten Lokaljournalismus“, Untertitel: „Alte Bevormundungen – neue Abhängigkeiten“. Ein ITZ Seminar in Berlin, vom 21. bis 25. Oktober 1991.

Zum Dialog eingeladen waren 21 Journalistinnen und Journalisten aus Ost und West, die Kollegen aus den damals fünf neuen Ländern waren in der Überzahl. „Von der Freiheit eines Journalistenmenschen“ berichtete Herbert Riehl-Heyse, 2003 verstorbener Kollege, lange Jahre bei der „Süddeutschen Zeitung“.

Die Thesen: „Der Journalist ist zur Zeit das beliebteste Opfer für Korruption in diesem Land. Wir werden ununterbrochen korrumpiert.“ Der Journalist habe nur eine Loyalität – und die sei beim Leser. Zudem seien Journalisten dazu da, der öffentlichen Hand „auf die Finger“ zu hauen und nicht Geld von ihr zu nehmen.

Der SZ-Mann berichtete vom lockeren Umgang mit Geld und Geschenken und PR-Artikeln, da Journalisten zu äußerst komfortablen Testreisen eingeladen würden. Riehl-Heyse: „Wir sind alle nicht frei, aber wir sollten uns wenigstens etwas dabei denken!“ Und: Viele passen sich an, weil sie Karriere machen wollen.

Beim Thema Umgang mit Politikern erzählte der Mann aus München von Inszenierungen für die Presse, „die nicht selten vor Geschmacklosigkeit“ strotzen: rührselige Fototermine, Einladungen zur Wanderung mit dem Landesvater, Ablenkungen von wirklichen Problemen.

„Der deutsche Journalist ist nicht korrupter als der deutsche Zahnarzt oder der deutsche Jurist.“ Der Journalist müsse die Versuchungen kennen und wissen, dass er ständig „umzingelt“ sei: „Journalismus ist wichtig; ohne Journalismus würde Demokratie nicht funktionieren. Es muß uns geben – ohne uns geht es nicht.“

Neue Ideen und innovativer Ehrgeiz

ssd. „Raus aus der Routine!“  So lautete der Titel eines Interviews mit Heinrich Meyer, Vorsitzender der ITZ Initiative Tageszeitung im „medium magazin“, Ausgabe 6/2007. Anlass war der Start der Workshop-Reihe mit jungen Journalistinnen und Journalisten. Die ITZ Zukunftswerkstatt „Zeitung 2011“ sollte Anregungen für die Diskussion über Themen geben, die die Zeitungshäuser seit Jahren beschäftigen. Meyers Einschätzung: „Wenn wir die Diskussionen der letzten Jahrzehnte werten, müssen wir zu der Erkenntnis kommen, dass oft die gleichen Fragen gestellt worden sind und – mit leichten Variationen – die gleichen Antworten gegeben wurden.“

Im Jahr 2014 sind einige Themen aktuell wie nie, etwa das Thema Alter und Demografie. Auszüge aus dem Gespräch von 2007:

Auch die Alternsstruktur in den Redaktionen wird seit Jahren mit Stirnrunzeln zur Kenntnis genommen.
Heinrich Meyer: Ein großes Problem mit Blick auf die jungen Leserinnen und Leser. Wir haben nahezu in allen Zeitungshäusern einen Altersdurchschnitt, der in etwa dem der Leser entspricht. Wenn aber eine Redaktion gemeinsam mit ihren Lesern alt wird, woher sollen dann neue Ideen und der innovative Ehrgeiz kommen?
Gründe für diese Entwicklung gibt es bekanntlich viele. In den Verlagen, speziell in den Redaktionen, hat es häufig keine konsequente Personalentwicklung gegeben. Auch die Weiterbildung ist oft nicht optimal organisiert. Hinzu kommt der Eindruck, dass viele Redakteurinnen und Redakteure durchaus weiterbildungsresistent sind.
Nicht wenige in diesem Beruf neigen gelegentlich dazu, ihre Fähigkeiten zu überschätzen. Besonders deutlich wird das immer, wenn ein Redakteur aus dem Team heraus in eine Führungsposition berufen wird. Hier müssen beide Seiten aktiv werden: Die Verlage müssen potenziellen Führungskräften geeignete Trainings anbieten. Und die Redaktionsleiter von morgen sollten zur Kenntnis nehmen, dass Chef-Sein harte Arbeit ist, für deren Erfolg man viel lernen muss.

Vielleicht war es auch ein Fehler, dass jahrelang nur Frauen und Männer mit Mitte, Ende 20 und einem abgeschlossenen Hochschulstudium die Chance auf ein Volontariat hatten.
Heinrich Meyer: Auch hier brauchen wir die richtige Mischung. Wir brauchen die Jungen, die voller Leidenschaft ihre Arbeit in der Lokalredaktion machen, die ihre Sicht auf relevante Themen einbringen.

Müssen die Zeitungen verstärkt „Leserreporter” einsetzen und auf „User Generated Content” setzen?
Heinrich Meyer: Dies kann allenfalls eine ergänzende Funktion haben im Sinne eines zusätzlichen und schnelleren Themenangebots. Aber auch hier bleibt die Redaktion in der Verantwortung. Auch Veröffentlichungen aus diesem Angebot müssen den redaktionellen Qualitätskriterien genügen.
Ich sehe die traditionellen Medienmacher nicht bedroht, solange sie auf Qualitätsjournalismus setzen. Kompetenz und Glaubwürdigkeit, die mit Zeitungen verbunden werden, sind die Basis für eine Strategie, die auch in der digitalen Zukunft Erfolg haben wird. Genau wie in anderen Branchen müssen die Verlage jetzt darauf achten, dass ihnen nicht die besten Leute abhanden kommen – sei es durch Abwanderung in vermeintlich attraktivere Medien oder durch innere Kündigung. Wir müssen es schaffen, das Wissen und die Erfahrung der Älteren besser zu nutzen und gleichzeitig die Jungen ranzulassen, natürlich auch in Führungspositionen.
Vielleicht sind neue Wege und neue Methoden nur durch zeitlich begrenzte Rotationen durchzusetzen. Und wir müssen aufpassen, dass die Alten nicht gleich dafür sorgen, dass die Jungen genau das machen, was sie selbst schon immer getan haben. Die Sozialisierungsgeschwindigkeit in den Redaktionen ist manchmal schon erstaunlich.

Nachwuchs: Mangelware!

jfn. Der Mangel an geeignetem Nachwuchs ist in Deutschland branchenübergreifend ein viel diskutiertes Thema. „Alle werden immer älter – die Demographie schlägt auch in den Redaktionen zu“: Der Titel der 4. ITZ Zukunftswerkstatt „Zeitung 2011“, die im Januar 2008 in Kooperation mit dem Göttinger Tagblatt stattfand, beschreibt die Situation in vielen Redaktionen treffend.

Dennoch ist Personalentwicklung in den wenigsten Zeitungshäusern ein Thema, wie sowohl die Chefredakteurin des Göttinger Tageblatts, Inge Stein, als auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops berichteten. Teilweise fehlten schon 2008 gute Bewerberinnen und Bewerber um ein Volontariat. Die jungen Redakteurinnen und Redakteure sahen einen Grund darin, dass ihr Beruf in den Redaktionen und allgemein in der Verlagsbranche schlecht geredet werde.

Gastredner beim Workshop war Martin Krüssel, seit 2001 Personalentwickler an der Göttinger Georg-August-Universität und in dieser Funktion zuständig für das nicht-wissenschaftliche und das wissenschaftliche Personal sowie für die Nachwuchswissenschaftler. Er führte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des ITZ Workshops in die Grundfunktionen von Personalentwicklung ein. Angesichts der demografischen Entwicklung der Bevölkerung Deutschlands maß er der Personalentwicklung einen hohen Stellenwert zu.

  • Personalentwicklung, so Krüssel, sei Bestandteil des Personalmanagements auf vier Reife-Stufen:
  • Personalverwaltung: verwaltet und reagiert.
  • Funktionales Personalmanagement: verwaltet per EDV und erhebt Statistiken über die Mitarbeiter, handelt jedoch nicht strategisch.
  • Teilintegrales Personalmanagement: verschiedene Elemente der Personalentwicklung werden eingesetzt.
  • Integrales, strategisches Personalmanagement: hier gibt es ein strategisches Personalentwicklungskonzept.

Krüssel erläuterte, dass für die erfolgreiche Personalauswahl und -entwicklung ein Anforderungsprofil mit Analyse der Ziele und Kernaufgaben erarbeitet werden müsse.

In den anschließenden Arbeitsgruppen formulierten und diskutierten die Akteure der 4. ITZ Zukunftswerkstatt ihre Erwartungen an Verlage, Redaktionen und Vorgesetzte. Fazit: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst gingen von einem guten Image ihres Berufes aus. Sie wünschten sich eine organisatorisch und inhaltlich strukturierte Ausbildung sowie gemeinsam mit den Verlagsabteilungen entwickelte Berufsperspektiven.

Die vollständige Dokumentation steht auf der Website der Initiative Tageszeitung zur Verfügung.