Öde Einfalt

ssd. Die missachtete Leserin? Familienfreundliche Arbeitszeiten? Führungspositionen in den Redaktionen? 98 Prozent der Chefposten bei Zeitungen sind mit Männern besetzt. Der Verein ProQuote will das ändern.

2012 erreichte ein Brandbrief von rund 350 Journalistinnen – von der Volontärin bis zur Fernsehintendantin – die deutschen Chefredakteure, Intendanten und Verleger. Die schlichte Frage des Schreibens lautete: „Innerhalb von fünf Jahren 30 Prozent der Führungspositionen in Redaktionen mit Frauen besetzen – auf allen Hierarchieebenen; schaffen Sie das?“ Seitdem wird über eine Quote im Journalismus gestritten.

Annette Bruhns, Vorsitzende des Vereins, bringt es immer wieder auf den Punkt: Gerade einmal zwei Prozent der Chefredakteurinnen deutscher Zeitungen sind Frauen. 18 Prozent sind es im Fernsehen, 22 Prozent bei den Online-Medien. „Nicht mal jeder fünfte Chefredakteur ist also eine Frau: Das ist kein Zeichen aufgeklärter Meinungsmache, sondern öde Einfalt.“

Der Frauenleitungsanteil bei den sogenannten Leitmedien ist bescheiden. An der Spitze liegt die „Zeit“ mit mehr als 35 Prozent, bei „Zeit Online“ sind es über 40 Prozent. Schlusslicht bildet weiterhin die „FAZ“ mit weniger als 10 Prozent. Auch im Herausgebergremium bleiben die Herren unter sich. Auf den verstorbenen Frank Schirrmacher folgt Anfang 2015 Jürgen Kaube.

Der Fortschritt ist eine Schnecke, weiß Annette Bruhns, Redakteurin beim „Spiegel“: „Es sind längst genug kompetente Frauen da, um auch die Hälfte die Verantwortung zu übernehmen – für das, worüber Deutschland redet, streitet, staunt.“

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ITZ-mehrWert: Familienfreundliche Arbeitszeiten

ssd. 2006 erschien in der Rubrik ITZ-mehrWert das Special „Familienfreundliche Arbeitszeiten“, ein Thema, das vor allem jüngere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Redaktionen seit jeher intensiv beschäftigt – und belastet. Ob sich die Situation 2014 fundamental geändert hat, darf bezweifelt werden.

Die Thesen 2006: „Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nicht nur für die meisten Eltern in Deutschland wichtig, sondern auch für die Unternehmen und den Wirtschaftsstandort Deutschland. Und wie sieht es in den Zeitungsunternehmen aus?

Das Ergebnis unserer stichprobenartigen Recherchen heißt nicht gerade Fehlanzeige – aber Angebote seitens der Verlage sind kaum vorhanden. Familienfreundliche Arbeitszeiten müssen Redakteurinnen und Redakteure bisher für sich selber mit Redaktionsleitung und Personalabteilung aushandeln. Und es sind wenige, die diesen Weg tatsächlich gehen.

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Leserinnen = Einkaufsentscheiderinnen

ssd. Mit Blick auf die Bedürfnisse der Leserinnen finden sich im ITZ Archiv nur wenige Versatzstücke in Seminardokumentationen. Diese sind immerhin stets mit dezenten Hinweisen verbunden, dass mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland weiblichen Geschlechts sind und Frauen immer noch die Einkaufsentscheider – mithin die wichtigste Zielgruppe für Anzeigen und Prospekte. Und heute extrem aktiv in den Sozialen Medien.

Media-Analysen, ZMG Untersuchungen oder ReaderScan-Ergebnisse kommen seit vielen Jahren zu identischen Aussagen: Leserinnen werden immer noch missachtet. Frauen interessieren sich stärker für ihre unmittelbare Lebenswelt – die klassische Stärke von Lokal- und Regionalzeitungen. Mehr Menschen, mehr Farbe, mehr Nutzen, Reportagen, Porträts und Interviews: Wenn Frauen gefragt werden, sagen sie klar, was sie wollen. Und: Eine „weiblichere“ Zeitung ist auch für jüngere Leserinnen und Leser attraktiv. Aber bitte kein „Frauen-Ghetto“.

Frauen und Fußball
Besonders schön liest sich aus heutiger Sicht die Seminarfrage nach dem Sport und der Leserin – ein dicker Aktenordner erzählt aus dem Jahr 2006 und dokumentiert das ITZ Seminar „Noch 100 Tage bis zur WM“. Unter „WM lokal“ wurde in Frankfurt diskutiert: „Der Fußball und die Frauen“. Leider ist das Material nicht online zugänglich, daher hier die Debatte nur in Auszügen.

Wegweisend die Themenideen:

„Die Spieler der WM in den Fokus der Frauen holen. Man kann Wahlen für Frauen veranstalten (Wer ist der hübscheste Spieler? Welcher Spieler hat den besten Körper/Haarschnitt/Po… Auch Fachfragen sind hier durchaus zulässig.)…“

„Frauen sehen Fußball: Wie machen sie das? Wo gucken die? Vielleicht versammeln wir als Redaktion auch einfach ein paar Frauen zu einem Kaffeekranz- oder Sekt-Fußballabend …“

„Einen Kinder-Mütter-Kick organisieren“

„An einigen Volkshochschulen werden spezielle Fußball-Schulungskurse für Frauen angeboten. Auch wir als Zeitung könnten Fachbegriffe klären oder klären lassen, vielleicht auch von einer Fußball spielenden Frau“.

Und dann noch die Muffelfrauen: „Eine Meckerecke für Frustrierte einrichten, Flucht vor dem Fußball, Nachfrage in Reisebüros.“

Neben diesen teils skurril anmutenden Ansätzen soll ein weiteres Thema nicht verschwiegen werden: „Gewalt gegen Frauen: Werden Frauen zu Opfern frustrierter Fans? Wie können sie sich in solchen Situationen wehren?“

Mehr zum Thema: Media-Analyse Tageszeitungen
Die Tageszeitungsnutzung wird gemeinsam mit den Zeitschriften in der Media-Analyse (ma) in 39.000 Interviews in zwei Wellen erhoben. Aufgrund der meist regionalen Verbreitung der Tageszeitungen werden diese im Unterschied zu Zeitschriften auf Basis von annähernd 140.000 Fällen ausgewiesen. Die Veröffentlichung erfolgt in Berichten und Datensätzen für den „Leser pro Ausgabe“. Der Datensatz repräsentiert mit etwa 1600 Belegungseinheiten nahezu 100 Prozent des deutschen Zeitungsmarkts.

Die Readerscan-Methode
Das elektronische Verfahren zur Erfassung des Leseverhaltens bei Printmedien wurde vom Schweizer Carlo Imboden entwickelt. Imboden hat bereits vor zehn Jahren auf das enorme Potenzial der Tageszeitung in der Zielgruppe Frauen verwiesen. Zum Beispiel in der Fachzeitschrift „medium magazin“.

Missachtung auf niedrigem Niveau

ssd. „Der mißachtete Leser“ hat es gut. Bei Google landet er immerhin rund 460.000 Treffer. Und das 1969 erschienene Standardwerk von Peter Glotz und Wolfgang R. Langenbucher mit dem Untertitel „Zur Kritik der deutschen Presse“ lohnt immer noch ein Reinlesen.

Ganz anders „Die mißachtete Leserin“. Google fragt fröhlich: „Meinten Sie: Die missachtete Leser?“ Die Frage kennzeichnet die Situation in den Zeitungshäusern. Frau muss schon sehr intensiv suchen, um aktuelle Konzepte zu finden, die sich explizit mit der Zielgruppe Leserinnen beschäftigen. Ist das Thema längst kein Thema mehr? So mancher Kommentar rund um der deutschen Wirtschaft Lieblingsthema „Frauenförderung und Quote“ hat 2014 einen anderen Eindruck hinterlassen.

Auch die ITZ hat das Thema nicht kontinuierlich verfolgt. Die Bundeszentrale für politische Bildung hatte – eher widerwillig – Ende der 1980er Jahre zwei „Modellseminare“ veranstaltet und der für damalige Verhältnisse revolutionären Idee des Seminarteams zugestimmt, doch schlicht mehrere Leserinnen zu fragen, was sie in ihrer Zeitung lesen wollen.

Der unkonventionelle Austausch der Redakteurinnen mit ihrer Zielgruppe legte die Basis für eine umfangreiche Dokumentation, in der Dutzende von hilfreichen Tipps im Umgang mit den Leserinnen festgehalten waren. Da die Redakteurinnen zum Schluss der Woche allerdings auf die verwegene Idee kamen, dass weibliche Führungskräfte in den Redaktionen möglicherweise zu einer veränderten Herangehensweise an Themen führen könnten, waren die Reaktionen bei Lokalchefs und in den Chefredaktionen mehr als verhalten. Der selbstredend nur hinter vorgehaltener Hand geäußerte Verdacht, das Seminar sei von wildgewordenen Feministinnen unterwandert worden, führte zu erhitzten Diskussionen – bei denen die Leserinnen zunächst auf der Strecke blieben.

Frühjahrsputz und Förderpläne
Im März 1988 wurde „Die mißachtete Leserin“ ein zweites Mal eine Woche lang seziert. Im Gegensatz zur ersten Veranstaltung in Oktober 1987 in Wiesbaden war das zweite Modellseminar ausgebucht. Leserinnen standen plötzlich hoch im Kurs, in den Verlagen hatte sich herumgesprochen, dass es in Augsburg um praxisorientierte Konzepte gehen sollte, mit denen Zeitungen der wichtigen Zielgruppe Frauen auf die Spur kommen wollten. Um weiblichem Übermut vorzubeugen, wurde Ulrich Homann von der „Badischen Zeitung“ in die Seminarleitung entsandt. Die leicht angegraute Seminardokumentation mit dem Titel „Frühjahrsputz und Förderpläne“ umfasste rund 100 Seiten. Erneut erhellend: Die Diskussion der Seminarteilnehmerinnen mit den Leserinnen.

26 Jahre später lesen sich die Handlungsempfehlungen der Arbeitsgruppen „Frauen und Politik“, „Frauen und Arbeit“ sowie „Frauen, Strategien, Sprache“ seltsam aktuell. Gleiches gilt im Übrigen für die Unterlagen zum Seminar „Die Zukunft ist weiblich“, Untertitel: „Gute Journalistinnen kommen überall hin.“ Zur international besetzten Veranstaltung hatte die Bundeszentrale für politische Bildung im November 2008 nach Wien eingeladen, in Kooperation mit den Fachzeitschriften „MediumMagazin“, „Schweizer Journalist“ und „Der Österreichische Journalist“.

Ob die weibliche Zukunft Ende 2014 wohl endlich in der Gegenwart angekommen ist?