Treuhänder des Volkes

jfn. Leserinnen und Leser gestalten ihre Zeitung – mit Leserbriefen, Telefonaktionen, bei Leserkonferenzen oder auf Ratgeberseiten. In vielen Redaktionen wird das Konzept „Bürgerzeitung“ kritisch gesehen: viel Aufwand, so die Meinung, und auf Dauer funktioniert es ohnehin nicht. Bei der 9. ITZ Zukunftswerkstatt „Zeitung 2011“, die am 3. November 2009 in Braunschweig stattfand, wurde ein positives Beispiel untersucht.
Das Thema der eintägigen Veranstaltung lautete: „Die Zeitung der Zukunft – eine Bürgerzeitung“. Kooperationspartner: die Braunschweiger Zeitung (BZ). Die Lösung: ein preisgekröntes Konzept.
Im August 2009 gab es von der Konrad Adenauer Stiftung den Deutschen Lokaljournalistenpreis für eine Bürgerzeitung, die es in sich hat. Der damalige Chefredakteur Paul-Josef Raue, im Jahr 2013 Chefredakteur bei der Thüringer Allgemeinen in Erfurt, ging mit dem Begriff „Bürgerzeitung“ selbst eher kritisch um: „Eine Zeitung ohne selbstbewusste Bürger ist ja Unsinn.“
Der Begriff „Bürgerzeitung“ bezeichne das genaue Gegenteil von dem, was sogenannte Leserreporter tun: „Wir machen Zeitung mit dem Bürger.“ Raue wollte die Medien nicht als „vierte Gewalt“ verstanden wissen, auch wenn er ihnen ausdrücklich die Aufgabe zuordnete, „die Politiker zu kontrollieren“. Der Chefredakteur beschrieb Journalistinnen und Journalisten als „Treuhänder des Volkes“. Wir müssen herausbekommen, was die Leser wollen. Wir besorgen ihnen die Information, die sie sich selbst viel zu mühsam zusammensuchen müssten.“
Leserinnen und Leser wollten ihre Meinung und ihre Lebenswirklichkeit in der Zeitung wiederfinden. Sie wollten auf Augenhöhe respektiert werden – etwas, das Politikern kaum mehr gelinge. Raue wusste aber auch, dass „man auf uns locker verzichten könnte, wenn wir unsere Aufgabe nicht wahrnehmen.“
Auf 50 Elemente war der Katalog für das Projekt Bürgerzeitung seit 2003 bis 2009 in einem stetigen Prozess gewachsen. Einige Kernelemente, darunter die Leserkonferenz und der Ombudsrat, stellte Paul-Josef Raue bei der 9. ITZ-Zukunftswerkstatt vor.
Die vollständige Dokumentation steht auf der Website der ITZ zur Verfügung.

Blick zurück nach vorn

ssd. 1986, das Jahr der Gründung der ITZ Initiative Tageszeitung. Im selben Jahr erschien im ECON Verlag in Düsseldorf das schmale Bändchen „Vom Zeitungsverkauf zum Zeitungsmarketing“, das mit leicht vergilbten Seiten im Bücherregal der ITZ steht. Die Veröffentlichung der Schrift hatte der Verleger Dietrich Oppenberg mit Mitteln der Pressestiftung RWV ermöglicht.
Das Buch beinhaltet das überarbeitete Protokoll einer Arbeitssitzung des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, die im Oktober 1985 in Bonn stattgefunden hatte. Es ging um „Die Wettbewerbsposition der Zeitung in einer veränderten Medienlandschaft“. Peter Tamm war zu der Zeit Vorsitzender des Vorstands der Axel Springer AG, die 2013 ihr Regionalzeitungsgeschäft zu den Akten gelegt hat. Tamms Statement als Fazit einer Analyse „Die Problemstellung“: „Die Zeitung lebt von ihrem Inhalt, von ihrem verlegerischen Auftrag, von ihrer Machart. Das aber heißt vor allem: Solider Journalismus, Kreativität und Lebendigkeit, Gespür für Leserwünsche. Das ist der eigentliche Kern, der darüber entscheidet, ob eine Tageszeitung Erfolg hat oder nicht.“
Herausgeber Oppenheim beschreibt in seinem Vorwort die spürbare Aufbruchstimmung auf der Verlegertagung, die durch das Motto „Zurück zur Zeitung“ gekennzeichnet war. Sein Fazit im Jahr 1986: Die Verleger hätten „viel zu lange viel zuviel Aufmerksamkeit auf die ‚neuen Medien‘ gerichtet, während doch ihre eigentliche Aufgabe und ihre Chance in der Zeitung liegt.“ Und: „Deutschlands Zeitungsverleger beginnen zu erkennen, daß sie ihr Produkt wie einen Markenartikel im immer härter umkämpften Markt platzieren und führen müssen.“
Viele der Zitatgeber des Buches leben heute nicht mehr. Ihre damaligen Analysen und Empfehlungen aber sind an vielen Stellen verblüffend aktuell. Das gilt auch für den Vorgängertitel „Zeitungsverkauf in den 80er Jahren“, den Dietrich Oppenberg 1982 zusammenstellen ließ. Er empfahl die Lektüre in seinem Vorwort „ganz besonders den jungen Leuten in den Verlagen“. Denn: „Soviel Erfahrung, wie hier auf 160 Seiten kondensiert dargeboten wird, kann man sonst nur im Laufe eines langen Arbeitslebens sammeln.“
Das Jahrbuch „Zeitungen 2013/2014“ des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger umfasst 420 Seiten, eine umfassende Informationsquelle und das wichtigste Nachschlagewerk rund um das Medium Zeitung. Die Vorgänger gibt es seit 1987. Im Bücherregal der ITZ nehmen sie satte 65 Zentimeter ein. Glaubwürdigkeit und Qualität sind vielgenannte Begriffe. Und immer soll „der Leser“ (die Leserin?) im Fokus aller Aktivitäten stehen. Egal ob gedruckt, online oder mobil.
Der Blick zurück nach vorn lohnt sich. Denn die wesentlichen Themen haben sich kaum verändert.