Ein Hoch auf das, was vor uns liegt

Im kommenden Jahr wird die ITZ Initiative Tageszeitung 30 Jahre alt. Aus Anlass des 25jährigen Jubiläums im Jahr 2011 wurde das ITZ Archiv durchforstet und neu geordnet. Im Jahr 2014 wurde geprüft, welche Diskussionen, Themenideen und Konzepte heute noch aktuell und für die Produktion von Tageszeitungen verwertbar sind.

Die wesentlichen Ergebnisse dieser Prüfung finden sich in diesem Blog. Ein großer Teil des Materials wird auch künftig in Ordnern und Kisten gelagert und kann nicht elektronisch zugänglich gemacht werden. Der Aufwand wäre unverhältnismäßig hoch.

Susanne Schaefer-Dieterle, eine der Autorinnen von „Pustekuchen“ und seit vielen Jahren im Vorstand der ITZ, kommentiert zum Abschluss der Arbeiten Einsichten und Erkenntnisse, die die ITZ Arbeit nahezu 30 Jahre lang bestimmt haben.

Krise ist immer

Die drei wesentlichen Erkenntnisse der „Notgrabung“ im ITZ Archiv lauten:

• Krise ist immer.
• Totgesagte leben länger.
• Es lebe die journalistische Qualität.

Eine weitere Erkenntnis nach der Durchsicht von rund 25 Archivkisten: Journalismus und Mode haben viel gemeinsam. Es ist alles schon einmal da gewesen:

• Das Jammern über schlechte Arbeitsbedingungen und permanenten Zeitdruck.
• Hilflosigkeit angesichts der Machtverschiebungen in den Verlagen.
• Das Gefühl, die Leserin, den Leser nicht zu erreichen.
• Die Suche nach dem Wesen von Qualität.
• Das Wissen, dass die Jungen den Alten überlegen sind.
• Und die Alten den Jungen.
• Konzepte und Rezepte für die redaktionelle Arbeit.

Neu in den letzten fünf Jahren waren und sind die Schließungen zahlreicher Lokalausgaben, der Verkauf auch großer Titel und die sich verschärfenden Konzentrationstendenzen. Ebenfalls auffällig: Der herbe Verlust journalistischer Arbeitsplätze, völlig veränderte Produktionsbedingungen und damit einhergehende Arbeitsumschichtungen auf überregionale Zentralredaktionen. Die Auswirkungen der digitalen Transformation werden zwar oft beschworen, die tatsächliche Entwicklung ist derzeit aber noch nicht abschätzbar. Ob der Wandel eines klassischen Verlagshauses in „eines der größten digitalen Verlagshäuser Europas mit einer Reihe multimedialer Medienmarken“ – so die Selbstdarstellung der Axel Springer SE zum Jahresende 2014 – wegweisend sein wird für die gesamte Branche, wird sich erst noch zeigen.

Weiterbildung und Qualifizierung
Knapp besetzte Redaktionen führen aktuell dazu, dass Weiterbildung und Qualifizierung in zahlreichen Zeitungshäusern nur noch in Ausnahmefällen genehmigt werden. Dabei weiß jeder Personalentwickler, dass die gerne als Alternative angedachten Inhouse-Veranstaltungen zwar fachlichen Input liefern können, gleichwohl die so wesentliche Horizonterweiterung vernachlässigen.

Es ist einfach wichtig, sich mit Kolleginnen und Kollegen anderer Häuser austauschen zu können – und sei es auch nur beim abendlichen Zusammensein am Rande eines Seminars. Das weitet den Blick, schafft Raum für neue Ideen und gibt Kraft für die harte Alltagsrealität. Damit relativieren sich dann auch die Kosten für Seminare wie sie etwa die ITZ anbietet. Übrigens traditionell zu kleinen Preisen, die in anderen Branchen nicht vorstellbar sind.

Vordenken und Querdenken
„Die Zukunft der Zeitung ist die noch bessere Zeitung.“ Das ist der Leitsatz der ITZ seit ihrer Gründung im Jahr 1986. Stets ging es um Vordenken und Querdenken, um Diskussionen, auch um Streit, vor allem ums Weiterdenken. Im Hintergrund stand die Aufforderung, die richtigen Fragen zu stellen.

Die ITZ kann stolz sein auf eine Debattenkultur, die sich in zahlreichen Diskussions- und Strategiepapieren dokumentiert, in Seminarkonzepten und Seminardokumentationen. Diese Haltung kennzeichnet seit nunmehr 29 Jahren die frühere Arbeit bei der Herausgabe der „drehscheibe“ (1986 bis 2006) sowie die aktuelle Prägung bei den Weiterbildungsangeboten, die seit 2006 durch ITZ Geschäftsführer Reiner F. Kirst gemanagt werden.

Zum Selbstverständnis der ITZ gehörte es immer, Erkenntnisse und Diskussionen für die Branchenöffentlichkeit zu dokumentieren. In Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung war seit Ende der 1980er Jahre ein Verbundsystem entwickelt worden. Dazu gehörten:

• Das „ABC für Journalismus“;
• Die Reihe „Themen und Materialien für Journalisten“;
• Die „DREHSCHEIBE – der Pressedienst aus den Lokalredaktionen für die Lokalredaktionen“;
• Die Modellseminare der Bundeszentrale für politische Bildung, die sich an die Lokalredaktionen wendeten;
• Die „Werkstätten“ der ITZ, die auf die Führungsetagen der Tageszeitungen ausgerichtet waren;
• Veranstaltungen, die sich in den ersten Jahren nach dem Mauerfall gezielt an Journalistinnen und Journalisten in den neuen Bundesländern richteten.

Für die Branchenöffentlichkeit
1992 kam die Buchreihe „Lokalredaktion“ hinzu – ein Almanach mit Tipps und Terminen für die tägliche Redaktionsarbeit. Der damalige Vorsitzende der ITZ, der verstorbene Verleger Hans Medernach, schrieb im Vorwort: „Die Demokratie braucht den informierten, orientierten und handlungsbereiten Bürger. Der Zeitung, vor allem auch der Lokalzeitung, kommt dabei eine Schlüsselfunktion zu.“

Tipps, Themen und Termine fürs Lokale wurden bis 2006 in Herausgeberschaft der ITZ publiziert. Aus dem „Almanach für Journalisten“ war 2003 der Titel „Redaktion. Jahrbuch für Journalisten“ geworden. Berthold Flöper, in der Bundeszentrale für politische Bildung Nachfolger von Dieter Golombek, schrieb im Vorwort: „Die Zeitungsbranche ist in einer Krise. Das bestreitet niemand mehr. Wenn sich aber die Zeit des Jammerns und Klagens dem Ende zu neigt und das unerschütterliche optimistische Hoffen auf neue Umsätze wächst, gibt es Veränderungen … Die Krise in der Zeitungsbranche hat offensichtlich die kreativen Kräfte geweckt.“

Die Lust am Niedergang
Die Krise zieht sich durch all die Jahre der ITZ. Seit 1986 befinden sich die Häuser im Krisenmodus, mal mehr, mal weniger. Mal war das öffentliche Geschrei leiser, mal lauter. Das Zeitungssterben ist oft beschworen worden. Hilferufe an den Staat wurden bewusst klein gehalten. Die Debatte des Jahres 2014, ob es nicht eine Art Stiftung zur Förderung des Qualitätsjournalismus geben sollte, hat Außenminister Frank-Walter Steinmeier im November 2014 bei der Verleihung der „Lead Award“-Pressepreise in Hamburg mit einem deutlichen Seitenhieb kommentiert: „Ich bin nicht pauschal gegen Förderideen, aber als Politiker möchte ich doch darauf hinweisen, dass manche Konstruktionen Politiker in einige Versuchung führen könnten, die besseren Journalisten zu sein.“

Wird eine Krise abgewendet oder beendet, gibt es Hoffnung auf etwas Neues, das besser sein kann als das Vergangene. Nimmt die Entwicklung einen dauerhaft negativen Verlauf, schlittern wir in eine Katastrophe. Finanzkrise, Bankenkrise, Medienkrise? Niedergang einer ganzen Branche?

Die subjektive Seite einer Krise ist die Wahrnehmung durch die Betroffenen. Objektiv müssen wir historisch zurückblicken, einzelne Faktoren als Ganzes bewerten und die Angelegenheit distanziert betrachten. Das gilt für die gesamte Wirtschaft und alle Branchen – Zeitungsunternehmen machen da keine Ausnahme. Allein ihr demokratischer Auftrag schützt sie nicht davor, Veränderungen bei ihren Kunden – Leserinnen und Leser wie Anzeigenkunden – zu registrieren und adäquat darauf zu reagieren. Das gilt für die Verlagsabteilungen genauso wie für die Redaktionen.

Das gilt besonders auch für die Führungskräfte in den Zeitungshäusern. Aktuell müssen sie neue Kompetenzen im Umgang mit der digitalen Transformation erwerben. Journalistisches und kreatives Know-how, gepaart mit wirtschaftlichem Sachverstand, reichen nicht mehr. Zusätzlich gefordert ist technologische Kompetenz – bei der Umsetzung und der Distribution.

Enorme Veränderungsgeschwindigkeit
Die Medienbranche unterscheidet sich dabei wenig von anderen Branchen, die seit Jahren unter dem Druck des technologischen Wandels stehen. Sie alle müssen permanent an Innovationen arbeiten, technologische Trends adaptieren, Wettbewerbsentwicklungen nachvollziehen. Die Industrie 4.0 erzwingt eine Arbeitswelt 4.0. Seit etwa 15 Jahren sind die Veränderungsgeschwindigkeiten enorm –treffen aber erst seit wenigen Jahren die Medienbranche mit voller Wucht.

Da helfen dann auch die Rückblicke in ein wohlgeordnetes ITZ Archiv wenig. Das klassische Handwerk, Themenfindung und Konzepte lassen sich von damals auf heute übertragen. Das Umfeld, in dem sich Medien heute bewegen – mit neuen Plattformen, Endgeräten und Zugängen – macht es für Zeitungen und ihre Lokalredaktionen nicht einfach, ein optimales Angebot zu mixen: zwischen der großen weiten Welt und der Welt, in der die Menschen leben.

So bleibt in der Rückschau auf nahezu 30 Jahren ITZ nur das Fazit: Früher war nicht alles falsch. Gute Recherche gab es auch ohne „investigativen Journalismus“. Der Dialog mit der Leserin und dem Leser funktionierte auch ohne E-Mail, Facebook, Twitter & Co. Der „durchkomponierte Lokalteil“ und „Die unterhaltsame Tageszeitung“ waren schon 1989 in der Diskussion. „Wir müssen weiblicher, jünger und verständlicher werden“, ließ BDZV Präsident Helmut Heinen zuletzt 2012 verlauten.

Zum Schluss hat Jürgen Kaube (52) das Wort, seit wenigen Tagen im Herausgeber-Team der „FAZ“: „Eine Zeitung muss überraschen, neue Argumente und Erkenntnisse bieten … wir müssen nur verstanden werden und interessant argumentieren … Denn am Ende entscheidet die journalistische Qualität über Erfolg oder Misserfolg.“

So soll es denn sein. Mögen die Besten gewinnen.

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Läuterung

ssd. Vom Skandalhansel zum Professor der Politikwissenschaften an der Universität Bonn: Wenn das mal keine Karriere ist. Politikexperte Bodo Hombach erklärte am 14. Dezember 2014 im Regionalteil NRW der „Welt am Sonntag“ seine Läuterung vom Spin Doctor und Skandal-Inszenierer für Johannes Rau und Gerhard Schröder zum unabhängigen Forscher, der sich mit Skandalen beschäftigt.

Wenigsten kennt der Mann sich aus. Er selbst wurde Opfer eines sogenannten Skandals und als Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe konnte er das unkalkulierbare Spiel von der anderen Seite beobachten. So gibt er denn zu Protokoll, gelernt zu haben: „Diese Methode des Parteienkampfes ist ein Krankheitssymptom der politischen Kultur … Zu viel Fettgedrucktes schädigt bekanntlich Stoffwechsel und Kreislauf.“

Und die Rolle der Medien? Hombach: „Medien pusten hinein. Sie geben sich als Gralshüter öffentlicher Moral, schielen aber heftig auf Einschaltquoten, Klickzahl und Auflage. In Online-Medien sind die Sitten besonders raus und fast grenzenlos. Aber zum ‚Storm‘ wird der ‚Shit‘ erst dann, wenn klassische Medien ihn aufgreifen.“

Voll auf die Presse

ssd. Verlage verdienen weniger Geld, Redaktionen werden geschrumpft, das Internet produziert neue Spielregeln, die Leserinnen und Leser wollen mitreden. Harte Zeiten für den Journalismus, der mit existenziellen Problemen kämpft. Mitten in die Diskussionen ums Geld schwappt eine Glaubwürdigkeitskrise übers Land. In den sozialen Medien sind Beschimpfungen und Verschwörungstheorien an der Tagesordnung. Da wird drauflosspekuliert, dass verlogene, korrupte und gemeine Journalisten die Medien beherrschen.
Ausgerechnet ein Top-Politiker macht sich Sorgen über eine Schwächung des Journalismus. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat bei der Verleihung der „LeadAwards 2014“ am 14. November in Hamburg Klartext gesprochen. Am Tag darauf krönte eine gekürzte Fassung seiner Rede die erste Seite des FAZ Feuilletons.

Qualität, Relevanz und Vielfalt
Liebevoll aber deutlich kritisiert Steinmeier einen Berufsstand, den er nicht missen möchte, denn: „Wir brauchen sie, die kritischen, fundierten, relevanten Berichte.“ Aber auch: „Der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch.“

Was tun, um aus der Krise zu kommen? „Mit Sparen allein wird das nicht gehen. Wichtiger ist vielleicht, sich auf das Fundament des Erfolgs zu besinnen: Qualität, Relevanz und Vielfalt. Es geht um die richtigen Prioritäten. Das heißt: Journalismus zuerst!“

Das ultimative Rezept ist das natürlich nicht, aber es tut gut: „Es muss alles getan werden, damit Journalisten weiterhin gute Arbeit leisten können. Die Medienwirtschaft ist keine Branche wie jede andere. Deshalb hoffe und vertraue ich darauf, dass die Presse die aktuellen Krisen meistert. Wir brauchen sie!“
LEAD ACADEMY für Medien e. V.

Kreativer Aderlass
Ins gleiche Horn tutet Ingrid Kolb, von 1995 bis 2006 als Nachfolgerin von Wolf Schneider Leiterin der Henri-Nannen-Journalistenschule von Gruner + Jahr. Die 73-Jährige hat einen Brief an die Vorstandsvorsitzende des Verlags, Julia Jäkel, geschrieben. Sie kritisiert die Entlassung von 25 Redakteurinnen und Redakteuren bei „Geo“ und „Brigitte“ – die erfolgreichsten Magazine und Zeitungen würden schließlich von Menschen gemacht, die sich mit ihrem Blatt identifizieren. Bei der „Brigitte“ soll das schreibende Personal gen Null reduziert werden. Kolbe zornig: „Genauso gut könnte die Lufthansa sagen: Fliegende Piloten entfallen.“

Verlagschefin Jäkel hat jetzt Zeit genug, an der Neuausrichtung des Verlags zu arbeiten, der Anfang November 2014 komplett von Bertelsmann übernommen worden ist. Ihr Vertrag wurde um fünf Jahre verlängert. Sie und ihre Vorstandskollegen Oliver Radtke und Stephan Schäfer werden dann allerdings Geschäftsführer, Julia Jäkel Vorsitzende der Geschäftsführung. Denn G+J wird in eine GmbH & Co. KG. umgewandelt.

Rückschläge und Fortschritte

ssd. Only bad news are good news. Wenn dieses Gesetz zur Erzeugung medialer Aufmerksamkeit tatsächlich stimmen sollte, dann hätten die gedruckten Medien ein fulminantes Jahr erlebt.

Die „Westfälische Rundschau“ wurde von der Funke Mediengruppe Ende September 2014 in ein Insolvenzverfahren in Eigenregie geschickt. Das „Darmstädter Echo“ machte Schlagzeilen mit der Streichung jeder zweiten Stelle. Von rund 300 Vollzeitstellen bleiben lediglich 140 erhalten. Selbst die „FAZ“ kündigte massive Sparprogramme an: 160 Stellen im Verlag, 40 in den Redaktionen sollen gestrichen werden. In der Mediengruppe M. DuMont Schauberg (MDS) soll das Programm „Perspektive Wachstum“ greifen, das offenbar darauf zielt, bestimmte Verlagsfunktionen konzernweit zu konzentrieren. Zunächst aber bedeutet das Stellenstreichungen.

Redaktionen ohne Redakteure
Der Jahreszeitenverlag hat es bei seinen Zeitschriften längst vorgemacht und Blattmacherteams und Servicegruppen eingerichtet. Bei Gruner + Jahr gibt es jetzt betriebsbedingte Kündigungen aller schreibenden Redakteurinnen und Redakteure, auch „Geo“, „Geo Saison“ und „Geo Spezial“ sind betroffen. Texte sollen künftig über Autorenpools eingekauft werden. Der Hamburger Verlag, der im Oktober 2014 komplett in das Eigentum von Bertelsmann gelangt ist, will in den kommenden Jahren bis zu 400 Stellen streichen und 75 Millionen Euro einsparen.

Wo einst Publizisten wirkten, haben jetzt Manager das Sagen, beklagte am 12. Oktober 2014 in der „Welt am Sonntag“ die Enkelin von „Stern“-Gründer Henri Nannen die – aus ihrer Sicht – aktuelle Gefährdung des Journalismus. Und: „Vielleicht ist der Gedanke, Bertelsmann könne G+J filetieren und Teile verkaufen, gar keine Drohung, sondern eine Verheißung? … Vielleicht müssen Marken wieder individuell gepflegt werden. Vielleicht muss man sie persönlich nehmen.“
Alles nicht gut genug?

Der langjährige „Spiegel“-Chefredakteurin Stefan Aust, jetzt Herausgeber der „Welt“, kritisierte, dass einige Verlage noch so getan hätten, als gehe die Medienkrise an ihnen vorüber: „Nicht der Journalismus ist dabei im Kern betroffen, aber es wird für einige Bereiche das Transportmittel und die Art der Finanzierung gewechselt. Wer jetzt laut jammert, hat nicht begriffen, dass das Geschäftsmodell im Erarbeiten und Verbreiten von guten Inhalten besteht und nicht darin, Papier zu bedrucken.“ Gregor Vogelsang, Geschäftsführer der Burda Magazine Holding, assistiert im kress Mediendienst: „Ich halte es für blanken Unsinn, dass die Leute für Inhalte nicht zahlen … Es kann auch einfach daran liegen, dass unsere Angebote nicht gut genug sind.“

Dynamik bei Online-Bezahlmodellen
Wenden wir uns den guten Nachrichten zu. Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger listet Anfang November 2014 immerhin 100 Online-Bezahlangebote von 351 Tageszeitungen auf. Jüngster Zugang ist die „Nordwest-Zeitung“ in Oldenburg.

„Wir wollen für alle relevanten regionalen Themen der Platzhirsch sein“, begründet die „Neue Osnabrücker Zeitung“ ihr intensives Engagement im Mobile-Markt. Interessant: die Campus-App für Studierende. Die „Stuttgarter Zeitung“ experimentiert seit September mit der App „S-Vibe“.

Innovationen und spannende Ideen
Die „Zeit“ will uns ab März 2015 viermal im Jahr mit einem neuen Finanzmagazin beglücken. Die „FAZ“ wird ihr Magazin 2015 jeden zweiten Samstag im Monat erscheinen lassen. Bei der „Rheinischen Post“ ist eine Zeitung „Die Wirtschaft in NRW“ in Arbeit. In Berlin ist seit Oktober ein neues Magazin „Unser Berlin. Fotos erzählen Stadtgeschichte(n)“ auf dem Markt. Der „Berliner Kurier“ füllt Seiten mit den Fotos seiner Leserinnen und Leser. In Köln wagt sich DuMont mit der Nachmittagszeitung „XTRA“ an jüngere Leserinnen und Leser zwischen 19 und 39.

Und dann noch diese gute Nachricht: Aldi Süd will wieder in der der Tagespresse werben. Und wenn gar nichts mehr hilft, kommt die ZMG Zeitungs Marketing Gesellschaft aus der Kiste: Wer langsamer wirbt, wirkt stärker, behauptet die neue Fachkampagne. Diesen Begriff muss man sich aber nicht merken: „Slo-vertising“ wird die neue Werbelangsamkeit genannt. Wir lernen: „Kommunikative Ruhe- und Konzentrationszentren“ haben auch ihren Reiz. Wer’s glauben mag: „Zeitungswerbung ist keine flüchtige Randnotiz, sondern verankert Botschaften nachhaltig im Gehirn“.

Konzentration und Reflexion: In diesem Sinne durchforsten wir noch einmal das ITZ Archiv.

Im Tal der Ahnungslosen

ssd. Oft verstehen sich Print- und Online-Redaktionen nicht – „Dünkel der Tradition gegen Arroganz des Fortschritts“, kommentieren der stellvertretende Zeit-Chefredakteur Bernd Ulrich und sein Kollege bei Zeit Online, Chefredakteur Jochen Wegner.
Beide haben sich mit dem „Riss“ beschäftigt, der durch deutsche Redaktionen gehe. Gestandene Print-Leute kritisieren die kessen Onliner. Ihr Pech: Zahlreiche Online-Angebote von gut gemachten Zeitungen und Zeitschriften erreichen heute mehr Leserinnen und Leser als die gedruckten Ausgaben. Wiederum: Print verdient immer noch deutlich mehr als Digital – weshalb Kapuzenpulliträger noch eine der liebevollen Bezeichnungen der Grauen für die eher Jüngeren ist. (Tipp: Wer an der Personalerfront mitreden will, darf auch gerne von „Hoodiejournalisten als High-Potentials“ schwadronieren…)
Die Zeit Chefs jedenfalls haben miteinander geredet und 12 interessante Thesen zu Print und Online auf den Weg gebracht. Beeindruckend die These 4: „Print-Journalisten haben keine Ahnung von der Zukunft der Medien. Online-Journalisten aber auch nicht.“
Nachlesen und Mitdenken lohnt sich: http://www.zeit.de/2014/14/print-online-redaktion-thesen-journalismus/komplettansicht

 

Good news und beste Jahre

ssd. Es gibt sie noch, die guten Nachrichten aus der Welt der Zeitungen. Das Rheingold-Institut (www.rheingold-marktforschung.de) hat im Auftrag der ZMG Zeitungs Marketing Gesellschaft (www.die-zeitungen.de) eine qualitative Studie veröffentlicht. Tenor: Auch im Netz schenken die User den Zeitungsangeboten besonders großes Vertrauen.
Rheingold-Mann Jens Lönneker kommentiert: „Den Zeitungen gelingt durch ihren Internetauftritt der Sprung in die Zukunft des modernen Alltags. Sie punkten mit ihren klassischen Qualitäten wie Glaubwürdigkeit, Seriosität und Gründlichkeit. Aber zugleich optimieren sie ihren Auftritt in wichtigen Dimensionen wie Aktualität, Emotionalität, schnelle Zwischendurch-Nutzung.“
Handelsblatt“-Herausgeber Gabor Steingart legt noch einen drauf. Die besten Jahre kommen erst noch, verspricht er seinen Journalistenkollegen in den Chefredaktionen, die sich auf Einladung von BDZV und ZV-Akademie in Berlin zusammenrauften. Print-Sterben: bitte vergessen. Stattdessen: Konzentration auf die Chancen der Digitalisierung und das „Handelsblatt“ als Vorbild nehmen – gedruckte Ausgabe plus sieben Verwertungsformen.
Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel, die an der Universität St. Gallen forscht und lehrt, hat zum 25. Geburtstag der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten (www.holtzbrinck-schule.de) erklärt, warum „Biojournalismus“ für die Zukunft der Branche steht. Journalismus, von Menschenkopf gedacht und gemacht – statt automatisierter Journalismus, der Texte durch Algorithmen erzeugt. http://www.miriammeckel.de

Mission Leserbindung

jfn. 2012 gab es 333 Tageszeitungen (130 publizistische Einheiten) in Deutschland (Quelle: BDZV). Nachrichten über Redaktionszusammenschlüsse, Schließungen von Ausgaben oder kompletten Titeln, Verkäufe und Einsparungen häufen sich. Im Kampf um die Leserinnen und Leser bleibt die Frage: „Wie wird Zeitung attraktiver?“

Bei der 8. ITZ Zukunftswerkstatt „Zeitung 2011“, die im Oktober 2009 in Aschaffenburg stattfand,  wurden mehrere Antworten gegeben. Das Thema: „18 Monate danach: Die Wandlung einer Zeitung“. Kooperationspartner war das Main-Echo, das sich kurz zuvor ein neues Layout verpasst hatte. Eine ansprechende Optik und gute Leseführung – das waren Antworten auf die Frage nach mehr Attraktivität. Doch damit nicht genug. „Mir war es immer wichtig, dass wir nicht nur eine neue Hülle bekommen, sondern uns auch inhaltlich weiterentwickeln“, betonte Chefredakteur Claus Morhart. Dazu gehörte auch die bewusste Hinwendung zu mehr Hintergrundinformation und Orientierung, denn in punkto Schnelligkeit lagen die elektronischen Medien schon 2009 vorn.

Eine weitere Möglichkeit, die Attraktivität zu steigern, wurde in einer der Arbeitsgruppen diskutiert: der Versuch, neue Zielgruppen zu bedienen, zum Beispiel junge Familien, die sich als „greifbarste Gruppe“ örtlich binde und damit für die Zeitung erreichbar sei. Ob Kommunalpolitik, Bildung oder Ratgeber – die Themen sollen unter dem besonderen Blickwinkel der Familie beleuchtet werden.

Im Plenum wurde eine zu starke Fokussierung mit Blick auf das Universalmedium jedoch kritisch diskutiert: Als Person gehöre man ja mehr als einer Zielgruppe an. Die jungen Eltern gehen einem Beruf nach, sind Vereinsmitglieder, haben also vielfältige Interessen, die eine Zeitung abbilden sollte. Gerade junge Familien müssten außerdem zunehmend aufs Geld schauen.

Wie nah Redakteure und Redakteurinnen am Leser sind, fragten sich einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer und griffen damit ein Statement von Main-Echo-Chefredakteur Claus Morhart auf: „Das Leben der oft akademisch gebildeten Redakteure entfernt sich immer mehr vom Leben der Durchschnittsleser. Das ist ein Problem“. „Mobiler Journalismus“ könne darauf eine Antwort sein: Ein Redakteur fährt mit Kamera, Fotoapparat, Block und Stift durchs Verbreitungsgebiet, schnappt Geschichten vor Ort auf und erzählt sie crossmedial.

Fazit der 8. ITZ Zukunftswerkstatt: Alles ist im Fluss. Das betrifft die Umstellungen in den Zeitungshäusern, was Layout, Technik und Strukturen in den Redaktionen angeht – aber auch das Berufsbild der Journalisten. Eine Herausforderung, der sich die Verlage und Redaktionen immer wieder stellen müssen.

Die vollständige Dokumentation steht auf der Website der Initiative Tageszeitung zur Verfügung.