Zeit für Spürhunde

ssd. Die 6. KW 2014 wird frau sich merken müssen. Alice Schwarzer schafft es mit ihrem Konto in der Schweiz auf Seite 1 des Wirtschaftsteils der FAZ – mit Foto. Chapeau! In einem Absatz mit Hoeneß, Zumwinkel und Theo Sommer genannt zu werden: naja. Fünf Tage später hat es den Berliner Kultursenator und den CDU-Schatzmeister Helmut Linssen hinweggefegt. Illner, Beckmann & Co. haben reichlich Stoff – und die Journaille ereifert sich zumindest noch am Anfang der Woche bei der Frage, ob der Spiegel die prominente Schwarzer habe in die Öffentlichkeit zerren dürfen. Zu den „Grenzfällen im Journalismus“ hat Hans Leyendecker in der Süddeutschen erhellende Gedanken beigetragen: http://www.sueddeutsche.de/politik/steuerfall-alice-schwarzer-die-last-der-spaeten-reue-1.1878983
Leyendecker muss es wissen, ist er doch im Investigativressort der SZ am Werk. Die Chefredaktion von Zeit online will dem nicht nachstehen: Chefredakteur Jochen Wegner hat ein vierköpfiges Team für Investigativ- und Datenjournalismus zusammengetrommelt. Im Interview mit kress sagt er, was er sich sowie den Leserinnen und Lesern davon verspricht: http://kress.de/mail/tagesdienst/detail/beitrag/125006-zeit-online-chef-wegner-gruendet-investigativ-einheit-schnittstelle-zu-rechercheteams-im-in-und-ausland.html

 

 

Das Ende naht

ssd. Forum Lokaljournalismus in Bayreuth, Auftritt von Michael Rümmele, seit 2001 Geschäftsführer der in Bayreuth erscheinenden Tageszeitung Nordbayerischer Kurier. Die Vorstellung von Zeitung als gedrucktes Produkt hält Rümmele für überholt. In 15, 20 Jahren werde es keine gedruckte Zeitung mehr geben. Gut gemachter Journalismus aber sei weiterhin gefragt. Spätestens im Jahr 2034 werden wir also wissen, ob das angebliche Auslaufmodell Zeitung überlebt hat.
Womit sich das Fachpublikum beim Forum der Bundeszentrale für politische Bildung sonst noch beschäftigt hat:
http://www.nordbayerischer-kurier.de/nachrichten/medien-sind-emotion_225753
http://www.nordbayerischer-kurier.de/videos/180-journalisten-besuchen-das-bayreuther-festspielhaus_543488

Schon wieder die Zukunft

ssd. Drei Medienmänner, drei Positionen. Verleger Dirk Ippen am 23. Januar 2014 im Münchner Presseclub: „Jede Zeitung braucht eine Seele… Die Leser müssen das Gefühl haben: Das ist meine Zeitung.“ Zentralisierte Redaktionen sind daher nach Ippens Meinung ein Irrweg. www.presseclub-muenchen.de

Verleger Hubert Burda bei der DLD Digitalkonferenz am 20. Januar 2014 im Panel „Zukunft des Journalismus“: „Allein mit Qualitätsjournalismus kann heute niemand mehr überleben.“ http://dld-conference.com/

Springer-Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner am 23. Januar 2014 im FAZ Interview: „Unabhängiger, kritischer Journalismus ist aber ein Wert, und dieser Wert hat einen Preis. Diese Erkenntnis setzt sich durch… Zeitungen und Zeitschriften wird es noch über Jahrzehnte geben und sie werden noch sehr lange gute Renditen erwirtschaften können. Mit dem Informationsträger Papier wird es aber nur noch in Ausnahmefällen Wachstum geben.“

Fragen Sie Dr. Sommer!

ssd. Es ist doch wirklich interessant, was man an einem ruhigen Januarwochenende in Deutschland alles lernen kann. Da gibt es also einen „kleinen Doktor“ der Prager Karls-Universität, den CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer aber nur in Bayern oder Berlin spazieren tragen darf. Erinnert irgendwie an Daktari – das Swahili-Wort für „Doktor“.
In Hamburg sorgt derweil ein anderer, angeblich großer Dr. namens Theo Sommer für die Verbreitung eines Begriffs, der in Gesprächen mit Steuerberatern demnächst eine neue Rolle spielen dürfte: „Einkommenssteuerverkürzung“ legt eine Hamburger Oberstaatsanwältin dem früheren Chefredakteur und „Zeit“-Herausgeber zur Last. Der räumt „Schusseligkeit oder Schlamperei“ über mehrere Jahre ein, so dass sich ein hübsches Sümmchen von 500.000 Euro angesammelt hatte, die der überarbeitete Buchautor nicht versteuert haben soll.
Zurück in München, bietet sich die ADAC Show vom Feinsten. Kommunikationschef macht sich vom Acker, die Führungsetage will nichts von Manipulationen gewusst haben und versucht sich kleinlaut in Demut.
Wir fassen zusammen: In Hamburg muss einer vor Gericht, weil er übers nächtliche Bücherschreiben die Zahlen vergessen hat. In München fehlt ein Kommunikationsprofi, der die ADAC Scherben zusammen fegt und gut mit kleinen Zahlen umgehen kann. In Berlin schauen alle nach München, ob kleine Doktoren und die große Maut noch zusammen passen. Vielleicht hätten alle zusammen mal besser das Dr. Sommer-Team der Bravo gefragt?

Nachtrag: Am 22. Januar 2014 ist Theo Sommer (83) wegen Steuerhinterziehung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sieben Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Außerdem wird eine Geldbuße von 20.000 Euro fällig. Laut Anklage hat Sommer zwischen 2007 und 2011 Steuern in Höhe von 649.000 Euro nicht bezahlt, die aus Einkommen und Nebeneinkünften fällig gewesen wären. Nächtliches Schreiben lohnt sich.

 

 

Auf geht’s

ssd. Pause vorbei, die Ausgrabungen gehen weiter. Während sich die Deutschen mit Glühwein und Plätzchen vergnügt haben und wieder einmal Millionen verballert wurden, ist die Zeit in den Verlagen nicht stehen geblieben. Die Funke Mediengruppe trennt sich vom gestandenen Zeitungsmann Christian Nienhaus – oder umgekehrt? Die Welt will „erstmals nach 12 Jahren“ neue Leute einstellen, Axel Springer sucht Visionärinnen für die Medienwelt von morgen und schreibt den „Women in Media Award“ aus.
Die New York Times hat ihren Internetauftritt neu konzeptioniert und präsentiert den veränderten Look in schwarz-weißer Druckanmutung. Sehenswert: das Werbevideo, mit dem der Relaunch den Leserinnen und Lesern erklärt wird: www.nytimes.com.
Köstlich die Interviews der Logo-Kinderreporter mit den Zeitungschefs Kai Diekmann (Bild), Giovanni di Lorenzo (Zeit) und Frank Schirrmacher (FAZ), die ihre Titel beurteilen müssen. Kindermund tut Wahrheit kund.
Erschreckende Wahrheiten musste Martin Kunz, Direktor der Akademie der Bayerischen Presse verkraften, dem aufgefallen ist, dass immer weniger Männer Journalisten werden. Das deckt sich mit dem Befund von Sprachoberguru Wolf Schneider, der sich in der Thüringer Allgemeinen zum „Schwachsinn“ der geschlechtergerechten Sprache ausgetobt hat. Ist ja auch nicht in Ordnung, dass er sich mit seinen 88 Jahren mit der „PR Kampagne einer Gruppe militanter Feministinnen“ rumschlagen muss. Alter schützt vor Torheit nicht.
In diesem Sinne: Ein erkenntnisreiches Jahr 2014. Wir graben weiter.

Kreative Raumstation

ssd. April 1973, Start des Volontariats. In der Redaktion ein versiffter Schreibtisch, darauf ein uraltes Schätzchen, nicht weniger versifft. Die Investition in den 10-Finger-System-Kurs war vorläufig rausgeschmissenes Geld. Dieses schwarze Monstrum konnte allenfalls mit den Zeigefingern bearbeitet werden – sonst kam da nichts drauf aufs weiße Blatt. Tipp-Ex wurde zum besten Freund. Die erste Kugelkopfschreibmaschine war eine Sensation.

Jahre später sorgten Computer dafür, dass die Redaktion endlich umziehen konnte. Diese neumodischen Dinger vertrugen die Hitze nicht! Rauchen wurde verboten, das Nikotin könnte ja die empfindlichen Gerätschaften beeinträchtigen, die der Redaktionschef am Anfang noch gerne an die Jüngeren weiterreichte, weil er lieber bei der Elektrischen blieb.

Heutzutage zeigt Jan-Eric Peters im aufwendig gedrehten Werbefilm seinen gigantischen Welt-Newsroom. Und das Handelsblatt inszeniert in Düsseldorf sein neues „Kreativdeck“. 150 schicke Partygäste – darunter Agenturchefs, Konzernsprecher und der Manager der „Toten Hosen“. Schreibt Herausgeber Gabor Steingart. Ein „Hauch von Aufbruch“ war auch dabei.

Wir verstehen: „Die Verlagsgruppe Handelsblatt versteht sich nicht länger als traditionelles Verlagshaus, sondern als Gemeinschaft zur Verbreitung des wirtschaftlichen Sachverstands. Dieses neue Selbstverständnis spiegelt sich in neuen Geschäftsfeldern – wie dem 360°-Team, dem Handelsblatt Research Institute oder unserem Veranstaltungsforum Face-to-Face – sowie dem „Kreativdeck – Raum für Ideen“ wider.“

Mein Haus, mein Auto, mein Boot? Oder ein Fall für den Handelsblatt-Medien-Kommissar Hans-Peter Siebenhaar? Titel seiner letzten Kolumne: „Die unerträgliche Leichtigkeit des medialen Blödsinns.“

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/kreativdeck-diese-gaeste-feierten-den-raum-fuer-neue-ideen/9206718.html

 

Medienspezialist Dr. Engel

ssd. Das ist ja eine Überraschung! Dr. Klaus Engel ist Vorsitzender des Vorstands der Evonik Industries AG. Geboren 1956, Diplom-Chemiker, eine herausragende berufliche Laufbahn mit zahlreichen Stationen in der Chemie-Branche. „Biodiesel boomt“ ist der Titel der aktuellen Pressemitteilung von Evonik am 2. Dezember 2013 – für das Unternehmen ein durchaus nachvollziehbarer Zusammenhang. Und dann das: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom selben Tag, Ressort Wirtschaft, Rubrik Unternehmen, Seite 25: „Die Wirtschaftspresse ist dem Internet weit überlegen“. Eine volle FAZ Seite Lobgesang auf den Qualitätsjournalismus in der Wirtschaftspresse – dem Lotsen „im unübersichtlichen Gelände ökonomischer Notwendigkeiten und Besonderheiten“.
Damit es auch hübsch authentisch wirkt, fließt mehrfach die Ich-Form in den 5-Spalter ein, den der BDZV nicht besser hätte schreiben (lassen) können. Wer die Medienberichterstattung in Deutschland verfolgt, findet zahlreiche Wendungen, die der Chemie-Mann in aufwändiger Recherche hätte zusammentragen müssen. Vielleicht hat Evonik Aufsichtsratsmitglied und langjähriger Bertelsmann-Finanzchef Dr. Siegfried Luther einen entscheidenden Tipp gegeben?
Auf jeden Fall sollte der BDZV den zeitungsbegeisterten Evonik-Chef zur nächsten Jahrestagung einladen. Kaum einer könnte auf dem Podium mit größerer Leidenschaft guten und wahrhaftigen Journalismus fordern. Engel: „Ich schreibe das, weil ich allenthalben lesen muss, dass in den Zeitungen und Zeitschriften eine Sparrunde die nächste ablöst.“