Läuterung

ssd. Vom Skandalhansel zum Professor der Politikwissenschaften an der Universität Bonn: Wenn das mal keine Karriere ist. Politikexperte Bodo Hombach erklärte am 14. Dezember 2014 im Regionalteil NRW der „Welt am Sonntag“ seine Läuterung vom Spin Doctor und Skandal-Inszenierer für Johannes Rau und Gerhard Schröder zum unabhängigen Forscher, der sich mit Skandalen beschäftigt.

Wenigsten kennt der Mann sich aus. Er selbst wurde Opfer eines sogenannten Skandals und als Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe konnte er das unkalkulierbare Spiel von der anderen Seite beobachten. So gibt er denn zu Protokoll, gelernt zu haben: „Diese Methode des Parteienkampfes ist ein Krankheitssymptom der politischen Kultur … Zu viel Fettgedrucktes schädigt bekanntlich Stoffwechsel und Kreislauf.“

Und die Rolle der Medien? Hombach: „Medien pusten hinein. Sie geben sich als Gralshüter öffentlicher Moral, schielen aber heftig auf Einschaltquoten, Klickzahl und Auflage. In Online-Medien sind die Sitten besonders raus und fast grenzenlos. Aber zum ‚Storm‘ wird der ‚Shit‘ erst dann, wenn klassische Medien ihn aufgreifen.“

Seltene Spezies: Ombudsleute

jfn. Es geht um Qualität, um Dialog und um Glaubwürdigkeit. Etwa 90 soll es weltweit geben, zwölf arbeiten in Deutschland: Medien-Ombudsleute. Der erste „Leser-Vertreter“ nahm in den USA in den 1970er Jahren seinen Dienst auf. In Deutschland war der stellvertretende „Main-Post“-Chefredakteur Anton Sahlender 2004 der erste Medien-Ombudsmann. Jahrelang war Sahlender ein Unikat in Deutschlands Presselandschaft, seine Serie Der Leseranwalt ist preisgekrönt und wird bis heute von den Leserinnen und Lesern der Main-Post geschätzt. Auch nach seiner Pensionierung wird das langjährige Mitglied im ITZ Vorstand der Leserschaft erhalten bleiben.

Mut zu mehr Transparenz!
Warum nur wagen so wenige Tageszeitungen den offenen und ehrlichen Dialog mit ihren Leserinnen und Lesern? Anton Sahlender äußerte sich in einem Interview mit European Journalism Observatorium (EJO): „Ich denke, Grund dafür ist momentan vor allem die Furcht davor, dass ein Redakteur aus dem operativen Journalismus entfernt wird und eine neue Rolle zugeteilt bekommt, wobei man zurzeit sowieso überall personell auf Kante genäht ist. Die meisten Redakteure empfinden Ombudsleute noch nicht als sinnvollen Beitrag für das eigene Medium, sondern als eine zusätzliche Serviceleistung, die ihrer Meinung nach hinter dem Journalismus zurückstehen muss – und das denke ich eben nicht; ich bin der Meinung, dass sie dazu gehören sollten. Unwissenheit ist auch ein Grund für die geringe Resonanz. Die wenigsten deutschen Medienhäuser wissen, was Ombudsleute machen.“

Vorteile über Vorteile
Die Pluspunkte eines Leseranwaltes liegen auf der Hand. „Er vermittelt im Streitfall und versucht, die Gemüter zu beruhigen. Er pflegt den Dialog mit den Lesern, und bekommt Themenanregungen frei Haus, die er an die Redaktionen weitergeben kann. Er bügelt redaktionelle Fehler aus, macht journalistische Arbeit verständlicher, transparenter und glaubwürdiger, fördert die Diskussionskultur und die Selbstreflexion in der Redaktion. Und er sorgt obendrein dafür, dass das Blatt durch eine viel gelesene Kolumne attraktiver wird.“ (journalist 4/2007)

Das Ombudsmann-Konzept etabliert sich dennoch nur langsam in den deutschen Medien. Aktuell (Stand Dezember 2014) leisten sich zehn deutsche Regionalzeitungen Leseranwälte. Sie sind organisiert in der „Vereinigung der Medienombudsleute“, VDMO. „Dieses Unumstößliche, dieses gedruckte Schwarz auf Weiß, das wird uns Zeitungsjournalisten nicht mehr abgenommen. Wir müssen den dialogischen Journalismus nicht nur online, sondern auch in den Zeitungen betreiben. Wenn wir das nicht schaffen, werden wir noch weniger angenommen“, so Anton Sahlender.

Total lokal: die Drehscheibe

jfn. Lokaljournalismus ist wertvoll und wichtig, spannende Themen aufzuspüren ist jedoch nicht immer einfach. „Redaktionen in ihrer Alltagsarbeit unterstützen“ – das war nicht nur eines der Ziele der 1996 gegründeten Initiative Tageszeitung, sondern auch Sinn und Zweck der „Drehscheibe“. Die Heftreihe wurde monatlich vom Projektteam Lokaljournalisten im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben und erschien 20 Jahre lang im ITZ-Verlag. In insgesamt 245 Ausgaben fanden sich zahlreiche Tipps und Anregungen für Lokalredaktionen. Die „Drehscheibe“ diente als immerwährender Ideenpool und erteilte zudem fachkundige Ratschläge in Sachen Recht und Ethik. Dafür wurden monatlich 40 Zeitungen und Einsendungen von Redaktionen ausgewertet, neue Themen oder neuen Darstellungsformen aufgespürt und nachahmenswerte Beiträge archiviert.

Frische Ideen direkt in die Redaktion
Aus Lokalredaktionen, für Lokalredaktionen: Die „Drehscheibe“ hielt, was sie versprach. Zahlreiche Zeitungshäuser hielten das Heft im Abo. Im Mai 2006 erschien die „Drehscheibe“ zum letzten Mal im ITZ-Verlag, eine notwendig gewordene bundesweite Ausschreibung des Projektes durch die Bundeszentrale beendete die Kooperation.
Doch gute Ideen leben weiter. Seit Juli 2006 realisiert Raufeld Medien mit Sitz in Berlin im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung das Heft. Auch heute ist jede Ausgabe einem Titelthema (Dossier) gewidmet und präsentiert originelle Ideen und Umsetzungsbeispiele. Im Magazin-Teil werden aktuelle Entwicklungen im Lokaljournalismus aufgegriffen, Redaktionsmanagement und Fragen des journalistischen Handwerks thematisiert. Und in der Ideenbörse werden themenunabhängig nachahmenswerte Ideen aus Lokal- und Regionalzeitungen vorgestellt.

Reinschauen lohnt sich. Lokaljournalismus auch.

Drehscheibe

ITZ-mehrWERT: Fehlermanagement

jfn. Aus Fehlern und Scheitern lernen – wer möchte das nicht. Fehler machen alle, auch Journalistinnen und Journalisten. Von Flüchtigkeitsfehlern bis hin zur Zeitungsente ist alles dabei. Das ITZ-Themenspezial 2/2006 nahm Fehler unter die Lupe. Wie gehen Tageszeitungen damit um? Wie tragen Fehler dazu bei, die Qualität zu steigern? FEHLERMANAGEMENT

ITZ-mehrWERT: Small is beautiful

jfn. Mit dem weltweiten Trend zur Formatumstellung befasste sich das ITZ-Themenspezial 4/2007. Hans-Dieter Gärtner, lange Jahre Chef der Zeitungs Marketing Gesellschaft (ZMG) und Past-Präsident der International Newspaper Marketing Association (INMA), zeigte auf, wie das Zeitungsland Deutschland im internationalen Vergleich einzuordnen ist. Beispiele aus Nachbarländern deuteten auf einen Trend: SMALL IS BEAUTIFUL

Es berichtet Kollege Roboter

jfn. „Wir sind auf alles programmiert und was du willst wird ausgeführt“ textete die Düsseldorfer Band Kraftwerk 1978 in ihrem Song „Roboter“. Gut 40 Jahre später macht die Mensch-Maschine auch vorm Journalismus nicht mehr halt: Der „automated journalism“ hat sich in den USA bereits etabliert. Sportergebnisse, der Wetterbericht oder Börsenkurse: mit dem entsprechenden Algorithmus ist es möglich, Daten auszuwerten und nach vorgefertigten Satzbausteinen Texte zu verfassen.
Nun schwappt die Welle nach Deutschland: „Roboterjournalismus“, das klingt nach schlechter Online-Übersetzung und wie ein Widerspruch in sich. Doch es hängt davon ab, wofür die Software – denn nichts anderes verbirgt sich dahinter – zum Einsatz kommt. Die „Berliner Morgenpost“ etwa testet ein Programm, das fortlaufend Artikel über die aktuelle Feinstaubbelastung verfasst (FAZ 22.8.2014).
Im Finanz- und Sportjournalismus schreiben laut absatzwirtschaft (6/14) Algorithmen innerhalb von Millisekunden hunderte Nachrichtentexte. Der Roboterjournalist AX der Stuttgarter Kommunikationsagentur Aexea sei, so Geschäftsführer Salim Alkan, in der Lage, mehr als 3,6 Millionen Texte pro Tag zu liefern, in acht Sprachen gleichzeitig. Big Data macht’s möglich.

Ein Hoch auf den „Biojournalismus“

Derweil verteidigt „Wirtschaftswoche“-Chefredakteurin Miriam Meckel im Handelsblatt den Biojournalismus. Gemeint ist der Journalismus von Menschenhirn und -hand. Dazu müssten die Journalisten lernen, die Chancen neuer Technologien zu erkennen und für sich zu nutzen. Als Recherchemittel sind Roboterjournalisten nach Meckels Meinung eine Unterstützung – und keine Gefahr.
Für den Qualitätsjournalismus drohe erst recht keine Gefahr: Nichts und niemand nimmt dem Menschen das Denken ab. Miriam Meckel: „Journalismus kann durch gute, auch investigative Recherche Themen setzen, die Unbekanntes bekannt machen, also für neue Sichtweisen, Perspektivwechsel sorgen. In einer umfassend berechneten Welt ist journalistische Unberechenbarkeit eine Notwendigkeit und ein Marktvorteil.“